Auf nach Rügen: Peter Lehmann und der Wald


Im südöstlichen Zipfel Mecklenburg-Vorpommerns geboren, verschlug es Claudia zunächst nach Leipzig, dann nach Schottland, Berlin und zuletzt auf eine Berghütte in den Alpen. Die Sehnsucht nach Wind und Meer zog sie schlussendlich nach Rügen, wo sie jede freie Minute Rad-... mehr

„Nationalpark-Zentrum Königsstuhl“ verkündet das Gebäude in großen Lettern. Stets umweht von einer Brise, mal mehr, mal weniger frisch. Sie verrät die Nähe zum Wasser, nur gedrosselt durch die Buchen. Es geht durch den Eingangsbereich zum Treppenhaus, vorbei am Rügen-Relief hoch in die zweite Etage. Hier arbeitet Peter Lehmann, der schon auf uns wartet – mit einer überdimensionierten Tafel Schokolade, die am Ende unseres Gesprächs gefährlich an Umfang verloren haben wird. Er huscht hin und her: „Jemand ein Wasser?“. Schon ist er zurück, stellt die Gläser ab und setzt sich.

Aufgewachsen zwischen Garten, Wald und Wiese

Man merkt ihm an, Sitzen ist nicht so sein Ding. Er ist groß, sportlich, quirlig. Mit wachen grünen Augen hinter schwarz geränderter Brille und bernsteinblonden, windzerzausten Haaren. Er trägt ein dunkles Hemd mit Weste, schwarze Hosen. An den Füßen Wanderschuhe, was auch sonst. Peter Lehmann ist Bewegung, will was bewegen. Seit sieben Jahren betreut er hier das Medienmanagement. Zum Einstand hatte er Schwarzwälder Schinken mit Meerettich mitgebracht. Eine Spezialität aus seiner Heimat.

Gebürtig stammt der Fünfzigjährige aus Karlsruhe, aufgewachsen ist er in Neusatz, einem 700-Seelen-Dorf im Nordschwarzwald, wo er auch aufwuchs. Fast täglich Besuche bei der Oma. Woran er sich da erinnert? An Garten, Wiese, Wald und den Kuchenduft aus der Küche – an ein Leben als richtiges Dorfkind.

Studium der Forstwissenschaften – ein Leidenschaftsfach

Draußen zu sein, das war für ihn schon immer eine Art innere Freiheit, sagt Peter Lehman, der sich nach dem Abitur für das Studium der Forstwissenschaften in Tharandt bei Dresden entschied. „Ein Studiengang für Idealisten, Leidenschaftsfächer“, schmunzelt der Mann, der seine Worte oft rege mit den Händen koloriert. Damals hatte er aber auch gespürt, dass er seine Kreativität einsetzen müsse. So entschloss er sich, das Studium auf den Bereich Medien und E-Learning auszurichten. Ihm sei klar gewesen, erzählt er, dass Naturschutz an sich gut und schön ist, aber eben auch die Menschen erreichen und kommuniziert werden müsse. Zunächst aber führte ihn sein Lebensweg in die Einsamkeit. Genauer nach Thüringen, mitten in den Buchenwald, der später zum Nationalpark Hainich und UNESCO Weltnaturerbe wurde. Dort wohnte er in einer Hütte, erhob Daten. „Waldinventur“ nannte sich das, eine Aufgabe, die vor allem eines mit sich brachte: die Erkenntnis, mit Natur und Mensch arbeiten zu wollen.

Auf nach Rügen – Umzug nach Sassnitz

Ein paar Jahre später dann das Stellenangebot des Nationalpark-Zentrums Königsstuhl. Inzwischen lebte Peter Lehmann im bunten Teil von Dresden. Als Clubmanager für das Staatsschauspiel Dresden, als DJ Herr Lehmann und sein Hund, als jemand, der sich glühend für das UNESCO-Welterbe-Idee engagierte. Wie auf ihn zugeschnitten wirkte die Jobbeschreibung. Eine Woche lang feilte er immer wieder an der Bewerbung, bis er sich endlich traute, sie abzuschicken. Wenig später packte er seine Koffer, zog auf die Insel. Bis heute ein für ihn spektakulärer Naturort. Eines seiner wichtigsten Projekte bisher? Die Eröffnung des UNESCO-Welterbeforums durch die Bundeskanzlerin und die Arbeit an der Waldhalle_InselbaukunstWebsite, dafür da, den Nationalpark für Menschen zugänglich zu machen – auch ohne bereits dort zu sein.

Vorfreude auf das Nationalpark-Jubiläum

Sieben Jahre später wohnt er noch immer in Alt Sassnitz, nah an „seinem“ Nationalpark, nur die Wohnung ist ein bisschen größer geworden. In seiner Freizeit spielt er Volleyball, organisiert die Stadtmeisterschaft. Jedes Jahr im November trifft man Peter Lehmann im Hafenbahnhof der Bäckerei Peters in seinem Nikolausbüro. Zehn Tage lang nimmt er dort mit zahlreichen freiwilligen Helfern geputzte Stiefel entgegen, den die Kinder dann – befüllt – wieder abholen können. Jedes Kind bringt außerdem ein Spielzeug mit, das wiederum Kindern zugutekommt, denen es nicht so gut geht. Das Projekt liegt Peter Lehmann besonders am Herzen, das spürt man, wenn er davon erzählt: mit leuchtenden Augen, stolz, aber auch bescheiden und fast ein wenig verwundert darüber, dass die Aktion auf der Insel so gut ankommt.

Worauf er sich daneben in diesem Jahr besonders freut? Na, auf das 30. Jubiläum des Nationalparks natürlich und das Thema Naturklänge, sagt Peter Lehmann, während draußen das Blätterwerk rauscht. Dann beugt er sich nach hinten und öffnet das kleine Dachgeschossfenster, das ihm der ungestüme Wind beinah aus der Hand reißt. „Bisschen windig heute“, sagt er und strahlt.

Weitere Infos zum Leben und Arbeiten auf Rügen findet man hier.

 


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