Meereslauschen: Die Musikerin Marie Gunst im Portrait


Berthe Jentzsch ist zwar gebürtige Berlinerin, braucht aber ab und zu Meer. Daher reist sie gerne. Entweder auf die Insel Rügen oder auf die Halbinsel Italien, wo sie einige Zeit lebte. Sie studierte Literaturwissenschaft in Wien und am Peter-Szondi-Institut in... mehr

Ich treffe die Musikerin Marie-Luise Gunst an einem sonnigen Tag im Café „Pakolat“ in Prenzlauer Berg. Es ist so heiß, dass Kaffeetrinken eigentlich zu viel ist. Gern, stellen wir beide fest, wären wir jetzt am Meer. Aber manchmal kann man sich das nicht aussuchen. Kurz nachdem wir uns an einen Fensterplatz setzen, erzählt Marie, strahlend, braune Augen, auffallend rotes Haar über ihr 2018 erschienenes Soloalbum-Debüt „Depression unplugged“. Für sie ist das Album eine Herzensangelegenheit. Es soll aufräumen mit Vorurteilen gegenüber psychischen Krankheiten. Gefühle, die Marie vertraut sind. Ähnlich eines schweren Wintermantels, den sie manchmal trägt und manchmal ablegt. Es gäbe zwei Dinge, so erzählt die junge Wahlberlinerin, die sie immer wieder ins Gleichgewicht bringen. Orte an denen sie echt und unverfälscht sei: das Meer und die Musik. Marie trägt beides immer bei sich. Ein Tattoo auf der Haut. Eine Mischung aus Anker und Notenschlüssel. Meer und Musik – zwei Verankerungen im Leben.

Familienurlaube hatten meist nur ein Ziel: Die Ostsee

Woher kommt diese Liebe zum Meer? Von Geburt kann es nicht sein. Marie-Luise Gunst wurde im nördlichen Thüringen geboren. Als Kind der DDR gab es für Familienurlaube meist jedoch nur ein Ziel: die Ostsee. Der Vater arbeitet beim Fernmeldewerk und hatte einen guten Draht an die See. So fuhr die Familie mit Wohnwagen und Zelt nach Norden. Als Maries Mutter mit ihr schwanger war, ermahnte der Bruder, damals ein Kind, die Schwangere solle nur bis zum Bauchnabel in die Ostsee gehen. Er hatte Angst, das Geschwisterchen würde sonst unter Wasser stehen.

„Ich war also schon als Ungeborenes im Meer baden“, lacht Marie. „Vielleicht ist die Ostsee daher zu einem Sehnsuchtsort geworden. Sie verkörpert viel, was mir wichtig ist: Inspiration, Klang, Musik.“ Im Sand graben, bis das Wasser in die Kuhle sprudelt und die Sandränder mitreißt. Gerüche von Kiefern, nassem Schlick und Tütensuppe. Inspiriert von diesen frühen Erfahrungen besingt sie, mal hell und poetisch, mal rauchig und sehnsuchtsvoll das Meer und die Insel Rügen.

Rügen als Insel der Klänge: Zwischen Mensch und Natur

Die Insel in Klänge und Geschichten zu fassen, scheint eine Leitlinie im Schaffen der Mittdreißigerin zu sein. Sechs Jahre leitete sie den Kultursommer am Kap Arkona zusammen mit dem Künstler Jens Hasselmann. Für das Projekt „BinzBeats“ vermischten sie Musiktracks mit Geräuschen aus der Umgebung: Naturgeräusche, aber auch das Schnaufen des Rasenden Rolands, das Klirren der Baustelle in Prora oder Knarren von Fahnenmasten. In einem Audiowalk erzählt ihre Stimme über die Geschichte von Swantevit – einer slawischen Gottheit, die auf Rügen verehrt wurde oder in einem Hörbuch über den „Leuchtturmwärter Schilling“ vom Kap Arkona. 2018 startete die Kleinkunstbühne „Binzer Kulturkutter“ als neustes Projekt.

Musik als Überbrückung bis zum nächsten Rügenurlaub

“Kunst ist keine One-Man-Show. Kunst heißt Dialog, Gegenseitigkeit, Zuhören statt Mit-dem-Handy-spielen“. Gerade auf einer Insel braucht man Brücken und Verbindungen. Für das gut gelaunte Urlaubs-Sehnsuchts-Album „Hallo Rügen“, das bei einem Konzert in der Meck-Pommer Landesvertretung bereits Dr. Angela Merkel hören durfte und in Mailand die Expo unterhielt, hätten sich häufig Hörerinnen bei ihr bedankt. Die Musik sei ihre Überbrückung bis zum nächsten Rügenurlaub. Eine Tafel Schokolade gegen das „Rügenweh“, so drückte es eine ältere Dame aus. Woher kommt diese Rügensehnsucht? Marie überlegt nicht lange. „Rügen ist menschlich. Die Insel spiegelt die menschlichen Stimmungen und Launen wider. Sie akzeptiert dich und ist, wie du bist.“ Mal schroff und karg, dann unverbraucht und offen, mal kühl und elegant, mal warmherzig. Daher wird man von der Insel nie richtig satt.

Das neue Album „Weniger ist Meer“ ist für den Frühling 2020 geplant. Wie der Titel verrät, geht es um mehr: den Schutz des Meeres. Zum Nachdenken ohne moralischen Zeigefinger will das Werk anregen. „Liebe heißt Verantwortung und Bewusstsein“. Bewusstsein heißt auch bewusste Reduktion. Früher war der Fisch in der Packung, heute ist die Packung im Fisch, skandieren junge Menschen bei den „Fridays for Future“ Veranstaltungen.
„Am Strand sind wir nackt und ‚unverpackt‘. Die Verpackungen reduzieren, in uns und um uns. Das hilft auch der See.“

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