30 Jahre Schutzgebiete auf Rügen: Prof. Knapp im Interview


Im südöstlichen Zipfel Mecklenburg-Vorpommerns geboren, verschlug es Claudia zunächst nach Leipzig, dann nach Schottland, Berlin und zuletzt auf eine Berghütte in den Alpen. Die Sehnsucht nach Wind und Meer zog sie schlussendlich nach Rügen, wo sie jede freie Minute Rad-... mehr

Prof. Dr. Hans Dieter Knapp liebt die Natur auf Rügen, durch die er schon als Kind gestromert ist. Er ist einer der Väter des Nationalparkprogramms von 1990, in dessen Folge Jasmund und die Vorpommersche Boddenlandschaft als Nationalparke ausgewiesen wurden. Zum 30-jährigen Jubiläum steht uns der Rüganer, der sich bis heute leidenschaftlich für den Naturschutz einsetzt, Rede und Antwort. 

Sie sind Jahrgang 1950, geboren in Putbus. Was war Ihr erster Berührungspunkt mit dem Thema Naturschutz?

Ausgangspunkt sind eigentlich die alten Eichen in der Putbuser Umgebung. Als Schüler wurde ich dann auch Naturschutzhelfer. Ich habe angefangen die Eichen in der Umgebung zu vermessen, zu fotografieren und als Naturdenkmale vorzuschlagen. Das war meine erste Naturschutz-Aktivität.

Wie ging es weiter?

Meine ältere Schwester musste fürs Apothekerstudium ein Herbar anlegen. Sie kam her und fragte: „Kannst du mir helfen, was zu finden?“. Und so bin ich mit 13 Jahren zum Botanisieren gekommen, habe als Schüler Expeditionen über die Insel gemacht und Pflanzenstandorte kartiert. Über meinen Biolehrer hier in Putbus, Harald Roland, bekam ich Kontakt zur Arbeitsgemeinschaft der Mecklenburgischen Floristen in Greifswald an der Universität.

Wo Sie später studiert haben.

Ja, nach dem Abitur bin ich nach Greifswald gegangen zum Studium, bin dann aber bald nach Halle, um – ich sag mal – Feld-, Wald- und Wiesenbotaniker zu werden. Nach meiner Promotion bin ich dann in den Norden zurückgekehrt und war am Müritz-Museum in Waren tätig.

Zu welchem Thema haben Sie promoviert?

„Geobotanische Studien an Waldgrenzstandorten des herzynischen Florengebietes (1978).“ (schmunzelt)

Aha…!

Naja, ganz Mitteleuropa wäre ja von Natur aus ein geschlossenes Waldland. Nur an wenigen extremen Stellen würde sich der Wald von Natur aus auflichten. Und das zu untersuchen in Abhängigkeit vom Klima, Relief und dem geologischen Untergrund war eine hochinteressante Aufgabe. 

Was macht die Schutzgebiete Jasmund und die Vorpommersche Boddenlandschaft so einzigartig – deutschland – oder sogar weltweit?

Die Besonderheit ist erstmal der Blick auf die Landkarte. Eine so bizarre Topographie, die kann man sich nicht ausdenken. Das hängt mit der jüngeren Erdgeschichte zusammen und bedingt eine sehr erstaunliche Vielfalt auf engen Raum mit Resten von „Ur-Natur“ an einigen Küstenabschnitten. Es ist eine der wildesten, dynamischsten Landschaften in Mitteleuropa überhaupt. Und eine seit 5000 Jahren zunehmend von Menschen geprägte Kulturlandschaft.

Und unbedingt schützenswert, wie im Nationalparkprogramm von 1990 festgehalten wurde.

Ja, der Ausgangspunkt dafür war die Müritzregion. Dort haben wir im November 1989 eine Bürgerinitiative für einen Müritz Nationalpark gestartet. Zugleich haben wir herausgearbeitet, dass es noch weitere herausragende Gebiete in der DDR gibt, darunter ganz klar Jasmund und die Vorpommersche Boddenlandschaft. Im Januar 1990 gab es eine große Veranstaltung in Bergen und es wurde öffentlich diskutiert, was nötig und möglich ist. In der Wendezeit war dieses Thema von der breiten Masse mitgetragen sehr präsent in den Medien.

Wie war das für Sie persönlich bis zum Inkrafttreten der Schutzgebietsverordnungen im Oktober 1990?

Die aufregendste und spannendste Zeit in meinem Leben.

Wie passen Naturschutz und Tourismus zusammen?

Beide haben eine lange Geschichte auf unserer Insel. Die des Tourismus gibt es sogar länger. Mit der Kreideküste ist Rügen zusammen mit den Alpen und der Sächsischen Schweiz eine Wiege des Tourismus in Deutschland. Lange hat sich der Tourismus gar nicht mit dem Thema Naturschutz befasst, wenngleich die Kreideküste schon immer ein touristisches Highlight war. Seit langem ist beiden Seiten bewusst, dass es ein enges Zusammenwirken geben muss. Für die Nationalparke gibt es den klaren Auftrag, die Natur zum einen als solche zu schützen, damit sie sich ungestört entwickeln kann. Zum anderen soll sie für Menschen in geeigneter Weise erlebbar und zugänglich gemacht werden. Es geht ja nicht darum, eine Käseglocke darüber zu stülpen und keinen reinzulassen. Im Nationalpark Jasmund und Vorpommersche Boddenlandschaft gibt es heute ein breites Spektrum an Angeboten, die es ermöglichen, Natur zu erleben und zu genießen.Dr. Knapp Schutzgebiete

Sie stehen im Nationalpark Jasmund: Was ist das erste Geräusch, das an Ihre Ohren dringt?

Das Murmeln der Bäche, wenn sie denn fließen, das Rauschen des Wasserfalls am Kieler Bach, die Schreie der Möwen, die Brandung des Meeres und das rollende Geräusch der Feuersteine am Strand.

Buchtipp: Hans Dieter Knapp und Lebrecht Jeschke „Alte Buchenwälder Deutschlands“ Nationalpark Jasmund – Weltnaturerbe auf Rügen. Erschienen im Natur + Text Verlag.

Weitere Infos zu den Schutzgebieten auf Rügen gibt es hier.


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