Nachhilfe in der Stadtplanung: Architektin Heike Nessler


Berthe Jentzsch ist zwar gebürtige Berlinerin, braucht aber ab und zu Meer. Daher reist sie gerne. Entweder auf die Insel Rügen oder auf die Halbinsel Italien, wo sie einige Zeit lebte. Sie studierte Literaturwissenschaft in Wien und am Peter-Szondi-Institut in... mehr

Eigentlich wollten wir mit Heike Nessler über den Neubau des Naturerbe Zentrums in Prora sprechen. Eigentlich. Schnell wird jedoch klar: Das wird nichts. Das Herz der Architektin hängt momentan an einem anderen Projekt. Einem Projekt oder besser gesagt eine Reihe von Projekten, für die sie nach der Arbeit kommunalpolitisch aktiv ist und selbst mit dem Landrat streitet: Schulen, Sportplätze, Mensen auf Rügen.

„Einfach machen. Alles ist möglich“

Die unerschöpfliche Energie der resoluten Baumeisterin scheint beinah greifbar in dem kleinen Putbusser Büro. Die Frau mit den schulterlangen blonde Haaren ist in Eile. Als gäbe es bereits das nächste Projekt, das auf sie wartet, eine Schule oder Sporthalle, die gebaut werden muss. Wertvolle Zeit, die zum Handeln gebraucht wird. Etwas zerreden, ist der Insulanerin ein Gräuel. Zu oft kenne sie das aus langwierigen Kommunalratssitzungen. „Einfach machen. Alles ist möglich“, das sei ihr Motto. Ideen hat sie genug. Think big. „Tun wir so als hätten wir das Geld, sonst fällt uns nichts ein“, sei ein Zitat, das sie gerne bediene. Wenn man der sportlichen Rüganerin zuhört, scheint in der Tat alles möglich. Sie ist stellvertretende Vorsitzende im Putbusser Ausschuss für Stadtentwicklung und ehemalige Vorsitzende der Schulkonferenz. Fehlt es an Geld, kümmert sie sich eigenhändig um die Finanzierung. Stellt Anträge, fragt Stiftungen, sucht Förderer, redet mit Behörden. In ihrer Freizeit. So gehe es in den meisten Fällen. „Wenn der Bau beginnt, ist schon fünfzig Prozent der Arbeit getan.“

Der lange Weg zur Schule

Nicht in den Wäldern von Prora, in Sellin steht das eigentliche Herzensprojekt. Geradlinig. Hohe Fenster. Bunte Glasfront. „CJD Christophorusschule Rügen“ leuchtet es in weißen Lettern von einer gelben Hauswand, „Grundschule Sellin“ von der anderen. Die Renovierung und Erweiterung der 1972 erbauten Grundschule begann 2008. Der einst graue Betonklotz hat Farbe bekommen. Und Umkleideräume, neue Sanitäranlagen, Sportplätze im Außenbereich, eine neue Aula mit Mensa. Die 2013 im selben Gebäude eröffnete „Kooperative Gesamtschule“ ist eine Zweigstelle der christlichen Christopherusschule in Rostock. Die gelernte Maurerin und studierte Architektin war nicht nur die treibende Kraft hinter dem Umbau, sondern ist ebenso Mitgründerin und Kuratorin der Bildungseinrichtung. 250 SchülerInnen können derzeit ihren Gesamtschul-, Realschulabschluss oder das Abitur machen. Das war dringend notwendig. Das dünnbesiegelte Bundesland hat die längsten Schulwege Deutschlands. Genau ein Gymnasium gibt es auf der Insel: Das Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasium in Bergen stand 2014 wegen drohender Überfüllung in den Schlagzeilen. Zwar gibt Mecklenburg-Vorpommern seit 2015 pro Schüler genauso viel aus wie der Bundesdurchschnitt, aber das sei immer noch zu wenig. „Wenn man eine Million aus öffentlichen Mitteln für ein Toilettengebäude am Strand ausgibt, dann bitte schön auch für Schulen!“, empört sich Frau Nessler. Selbst die neue Schule in Sellin platzt bald aus allen Nähten.

Schüler brauchen Platz, Bewegung und Licht

Um das zu verhindern, hat Heike Nessler eine Vision: weitere große, helle Räume. Schüler brauchen Platz, Bewegung, Licht, um gut lernen zu können. Und vor allem Zeit und Raum zum Essen. Geplant sind der Anbau einer weiteren Mensa und ein Fachunterrichtstrakt. „Sobald der Bau finanziert wird, legen wir los“. Ein zweiter Entwurf für einen Neubau der Schule liegt bereits in der Schublade des Putbusser Büros. Das Grundschulgebäude soll in den Seepark verlegt werden. Eine neue Turnhalle, große Außenbereiche und weitere 120 Hortplätze sind geplant. Sogar ein Kreativtheater verzeichnet die Planskizze. In Zusammenarbeit mit den Lehrern sollen sich pädagogische Konzepte in Architektur verwandeln. Kreativität fördern, Stress reduzieren. Lernraum ist Lebensraum. Immerhin verbringen die Kinder hier einen großen Teil ihres Tages. Eine Erkenntnis, die auch im Rest der Republik Schule machen sollte.

Alle weiteren Infos zur Jahreskampagne Inselbaukunst gibt es hier.


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