Wanderschuh im Buchenwald: Das UNESCO-Welterbeforum auf Jasmund


Berthe Jentzsch ist zwar gebürtige Berlinerin, braucht aber ab und zu Meer. Daher reist sie gerne. Entweder auf die Insel Rügen oder auf die Halbinsel Italien, wo sie einige Zeit lebte. Sie studierte Literaturwissenschaft in Wien und am Peter-Szondi-Institut in... mehr

„Architektur ist das Kleid, in dem wir uns bewegen. Die Bauweise bestimmen, bedeutet, sich entscheiden zwischen Abendkleid und Wollpullover.“ Der Mann, der diesen Satz sagt, heißt Christoph Meyn. Der gebürtige Weimarer mit der filigranen Halbrandbrille ist Diplom-Ingenieur und Vorstand der Architektenkammer Mecklenburg-Vorpommern. Er betreute eines der meist besprochenen PArchitekt_Waldhallerojekte auf Rügen: den Umbau der Gaststätte Waldhalle zum UNESCO-Welterbeforum in der Jasmunder Stubnitz. Meyn fährt fort: „Architektur umgibt und kleidet uns. Sie verkörpert die Wertschätzung, die wir uns und der Gesellschaft entgegenbringen“.

Im Stadtkern von Stralsund geplant

Wir treffen den Thüringer in seinem Büro am Alten Markt im historischen Stadtkern von Stralsund. Die 2007 gegründete Planungsgesellschaft Gnadler, Meyn und Woitassek befindet sich in den Räumen der ehemaligen Provinzialbank. Abendkleid oder Wollpullover? Wären Häuser Kleidungsstücke, dann wäre das frühere Bankgebäude wohl ein stattlicher Herrenanzug. Der Dreißigerjahrebau des Architekten Adolf Thesmacher gilt als Paradebeispiel der Neuen Sachlichkeit. Ein steinernes Versprechen von Professionalität, Stabilität und Kapitalsicherheit. In den Tresorräumen von einst lagern jetzt die Akten der Planungsgesellschaft. Das Direktorenzimmer dient als Konferenzraum. Fast meint man noch den Zigarrenrauch vergangener Besprechungsrunden in der Holztäfelung, zu riechen.

Inmitten des Nationalparks Jasmund

Im Nationalpark Jasmund hingegen, wo die Gaststätte Waldhalle stand, riecht es nach nassem Laub und Waldboden. Auf einer Lichtung, zweieinhalb Kilometer von Sassnitz entfernt, steht ein Fachwerkhaus im Schwarzwaldstil. Unter den roten Ziegeln des ersten Stocks wehen orange-weiße Fähnchen im Wind. Wanderer und Familien in Sportjacken sitzen auf der überdachten Veranda. Abgesehen von ihren Gesprächen an den umliegenden Tischen, Waldhallehört man nur das Rauschen der Blätter.

Beliebtes Ausflusgziel im Buchenwald

Doch zurück zum Ursprung: Die Waldhalle war fast 150 Jahre lang ein beliebtes Ausflugsziel im Jasmunder Buchenwald. Ihre Geschichte begann 1874, als der Sargarder Fritz Koch mitten im Wald eine Holzhütte mit zwei Fenstern errichtete. „Restauration Waldhalle“ nannte er, in Anlehnung an den hallenartigen Naturraum, optimistisch sein Bauwerk. Ausflügler und Spaziergänger aus Sassnitz sollten sich in dem kleinen Bistro während ihrer Wanderungen eine Limonade gönnen können. Und das taten sie. 1899 ließ Fritz Koch Junior die bescheidene Hütte als Ziegelfachwerkhaus neu bauen und funktionierte sie zu einer Gaststätte um. Doch ein Brand 1927 wurde dem idyllischen Ort zum Verhängnis.

Mit der Erneuerung in den 30ern wucherte ein „wilder Ausbau“ um das Hauptgebäude: Ställe, Schuppen und ein ganzes Sammelsurium an Anbauten verstellten nach und nach die Lichtung. Ein Foto aus dieser Zeit zeigt, wie der Waldboden unter hundert weißen Stühlen verschwindet. 2012 kaufte die Stadt das Gebäude und beauftrage das Planungsbüro in Stralsund mit dem Umbau. Ihre Idee: An die Stelle der Gaststätte sollte ein Wanderstützpunkt mit Serviceangebot treten. Rastplatz, Informationspunkt und Ausstellung über den Alten Buchenwald in einem.

Das UNESCO-Welterbeforum heute

Waldhalle_UNESCO1,5 Millionen Euro später eröffnete 2017 das UNESCO-Welterbeforum. Sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel kam. Wäre die heutige Waldhalle ein Kleidungsstück, welches wäre sie? Die Meinungen sind geteilt. Ein teurer Kinderschuh, würden die einen sagen. Ein moderner, bequemer Wanderschuh, vielleicht die Anderen. Sechs Jahre dauerte der Umbau. Oder besser gesagt, der Rückbau. „Wir wollten die Fläche dem Nationalpark zurückgeben.

Die Lichtung verkleinern und die Natur an das Gebäude zurückholen“, erklärt der Architekt Meyn. Die Insel Rügen spannt an der Grenze ihrer baulichen Belastbarkeit. Ziel war das Minimum, kein Maximum. Nicht protzig, sondern bescheiden sollte das Ergebnis wirken – so, wie es die Besucher von früher noch im Kopf haben. Genau das sei Architektur im besten Falle, ergänzt Christoph Meyn, ein Maßanzug. Angepasst und zugeschnitten auf die Bedürfnisse seiner Nutzer.

Weitere Infos zum Thema Inselbaukunst gibt es hier.


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