Interview mit Stefan Hurtig zur Müther-Woche


Holger Vonberg ist gebürtiger und bekennender Rüganer. Sein Berufswunsch als Zweijähriger: „Urlauber Baabe“. Das hat nicht ganz geklappt. Ab 1991 war er als Journalist u. a. für den NDR, die OZ und den „Urlaubs-Lotsen“ auf der Insel unterwegs. Bis März... mehr

Müther_Filmdreh

Jana Rath, Tänzerin im Video-Kunstprojekt für „IDLE“. © Holger Vonberg / Kurverwaltung Binz

Auftakt der Müther-Woche mit Theremin und Video-Kunst

Vom 21. bis zum 27. September ehrt das Ostseebad Binz den Landbaumeister Ulrich Müther mit einer Themenwoche. Verschiedene Touren, Ausstellungen, Workshops und Vorträgen laden dazu ein, die Bauten des gebürtigen Binzers zu entdecken. In diesem Jahr wäre er 85 Jahre alt geworden. Durch seine Schalenbauwerke wurde er zu einem bedeutenden Vertreter der modernen Architektur.

Mit einem außergewöhnlichen Theremin-Konzert von Carolina Eyck und der Präsentation des Videokunstwerks „IDLE“ von Stefan Hurtig startet die Mütherwoche am 21. September um 20 Uhr am Müther-Turm, Strandaufgang 6. Die ca. einstündige Open-Air-Veranstaltung wird umrahmt von einer faszinierenden Lichtinstallation. Der Eintritt ist frei. Stefan Hurtig hat an der Hochschule für Bildende Kunst in Leipzig Medienkunst studiert und lebt in Berlin und Leipzig.

Stefan Hurtig zum Videokunstwerk „IDLE“

1982 ist der nur drei bis fünf Zentimeter dünne Betonschalenbau von Ulrich Müthers Spezialisten als Rettungsturm in der Düne am Binzer Strand errichtet worden. In und an diesem Denkmal hat der Leipziger Medien-Künstler Stefan Hurtig Anfang Mai 2019 ein Video gedreht. Herr Hurtig, warum haben Sie gerade diesen Ort gewählt?

Müther Filmdreh Jana Rath

Jana Rath beim Dreh im Müther – Turm in Binz. © Holger Vonberg / Kurverwaltung Binz

Stefan Hurtig: Moderne Architektur hat mich schon immer interessiert und inspiriert, weil sie oft aus einem Nachdenken über Gesellschaft und Zusammenleben entstanden ist. Gleichzeitig haben Architekten seit Beginn des 20. Jahrhunderts mit neuen Formen experimentiert, in denen ihre Zukunftsvorstellungen spektakulären Ausdruck fanden. Irgendwann während meiner Recherchen zur modernen Architektur in der DDR bin ich dann auf Müther und seine Schalenbauten gestoßen. Die Leichtigkeit und Eleganz seiner Bauten, die durch die spezielle Schalenbauweise ermöglicht wird, faszinierte mich. Für mein neues Video suchte ich einen Drehort mit futuristischem Touch. Die Strandwache verkörpert den optimistisch-zukunftsgewandten Geist der damaligen Zeit. Sie wirkt wie eine im Sand gelandete Lebenskapsel einer zukünftigen Lebensform.

Im vergangenen Jahr sind Sie mit dem Preis der 25. Leipziger Jahresausstellung im Museum der Bildenden Kunst ausgezeichnet worden. Gewürdigt wurde damit Ihre Arbeit „Bloom! Your Self Beautifully Enriched“, übersetzt „Blühen! Dein Selbst schön angereichert“. Das Preisgeld dient unter anderem dazu, dass Sie 2019 eine Einzelausstellung in Leipzig verwirklichen konnten. Auch das in Binz gedrehte Video „IDLE“ ist dort zu sehen. Wer die Dreharbeiten im und am Müther-Turm als Außenstehender zufällig beobachtet hat, wird sich doch etwas gewundert haben. Erzählen Sie uns von dem Projekt. Welche Idee steckt dahinter?

Mütherdreh Jana Rath

Jana Rath im Einklang mit den Robotern. © Holger Vonberg / Kurverwaltung Binz

Stefan Hurtig: „IDLE“ ist ein Film über einen utopischen Zustand. Der Müther-Turm erscheint darin als Lebenskapsel, in der eine Figur zusammen mit ihren Robotern lebt. Das Video spielt in einer Zukunft, in der Roboter dem Menschen die Arbeit abgenommen haben. Die Menschheit kann sich deshalb dem Müßiggang widmen. Es ist ein positiver Blick auf die möglichen Effekte der Digitalisierung. Die Figur im Film hat quasi bereits einen Zustand jenseits von Selbstoptimierung und Gelderwerbsdruck erreicht. Es geht also um eine post-kapitalistische Utopie. Grundlage des Films ist ein Manifest des russischen Malers Kasimir Malewitsch von 1921. In „Die Faulheit als tatsächliche Wahrheit der Menschheit“ polemisiert er gegen die Arbeitsparolen sowohl des Kommunismus als auch des Kapitalismus. Schließlich ersinnt er sich eine Zukunft, in der durch Maschinen niemand mehr arbeiten muss und die Menschheit auf diese Weise zur Muße findet. Die Vision fasziniert zunächst aufgrund der Zeit ihrer Veröffentlichung. Das Gedankenspiel passt aber eben auch sehr gut in unsere Zeit, in der viel über Work-Life-Balance und Achtsamkeit geredet wird.

Das Video-Kunstwerk wird jetzt zum Auftakt der Müther-Woche auch im Ostseebad Binz zu sehen sein?

Stefan Hurtig: Ja, es ist geplant, den Film am Drehort selbst, also in unmittelbarer Nähe zur Strandwache, zu zeigen. Ich bin gespannt, wie er bei den Zuschauern ankommt. Und ich freue mich auf das Theremin-Konzert.

 

Alle weiteren Infos zur Müther-Themenwoche gibt es hier.

 

Titelbild: © Holger Vonberg / Kurverwaltung Binz


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