Inselbaukunst: Der Architekt des Fürsten


Berthe Jentzsch ist zwar gebürtige Berlinerin, braucht aber ab und zu Meer. Daher reist sie gerne. Entweder auf die Insel Rügen oder auf die Halbinsel Italien, wo sie einige Zeit lebte. Sie studierte Literaturwissenschaft in Wien und am Peter-Szondi-Institut in... mehr

Treppe im Jagdschloss GranitzVon Binz aus ist es nicht weit. Eine Waldwanderung, eine bequeme Fahrt mit dem „Rasenden Roland“ oder eine Fahrradtour führt zum Ziel. Es geht am Schmachter See vorbei, später durch den Granitzer Forst. Ein letzter steiler Anstieg, eine letzte Biegung, dann funkelt das Jagdschloss Granitz hinter den Bäumen hervor. Seit mehr als 180 Jahren thront die elegante Festung auf dem Tempelberg. Dass es sich bei dem norditalienisch anmutenden Märchenschloss um einen Ort der Jagd handelt, verraten neben der Lage mitten in 800 Hektar Buchenwald vor allem die anwesenden Tiere. Bronzene Malosserhunde bewachen den Fuß der Freitreppe. In der Eingangshalle empfangen zwei Eberköpfe und zahlreiche Hirschgeweihe den Besuchern.

Der Urheber der rosa-beigen Fassade, der Rundfenster und grün bekrönten Türme ist auf Rügen kein Unbekannter: Der Baumeister Johann Gottfried Steinmeyer war Mitte des 19. Jahrhunderts der Lieblingsarchitekt des Kurfürsten Wilhelm Malte I. zu Putbus. Mit Unterstützung seines Berliner Kollegen Karl Friedrich Schinkels entwarf er 1836 das Schloss in Granitz. Schinkel steuerte zudem den Mittelturm bei. 154 Stufen schmiedeeiserner Wendeltreppe führen zu einem atemberaubenden Panoramablick über das flache Land bis hin zum Meer. Wald auf allen Seiten. 145 Meter über dem Meeresspiegel befinde man sich auf der Turmspitze, berichtet Turmwart Herr Wegener.

Aus dem Schatten von Schinkels Bauten

Das Leben von Steinmeyer und Schinkel kreuzte sich früh. Der 20-jährige Schinkel plante und entwarf den Familienwohnsitz der Steinmeyers in der Berliner Friedrichstraße 103. Der Vater Steinmeyers, der Bauunternehmer und Zimmermann Carl Christoph Steinmeyer, war ein erster Unterstützer des ein Jahr jüngeren und strebsamen Kommilitonen seines Sohns. Sein Wohnhaus sollte der erste Berliner Schinkelbau sein. Zusammen mit dem jungen Schinkel besuchte Steinmeyer die Berliner Bauakademie und begleitete ihn auf die im gehobenen Bürgertum obligatorische zweijährige Bildungsreise nach Italien. In Berlin vor allem als Bauunternehmer bekannt, machte sich der gebürtige Friedrichsfelder erst auf Rügen als wichtigster Architekt des Kurfürsten von Putbus einen Namen. In dieser bevorzugten Stellung konnte er sich fern der preußischen Hauptstadt und seinem bekannteren Kameraden verwirklichen.

Putbus in neuem Glanz

Das Theater in PutbusWie eine Theaterbühne liegt der kreisrunde Circus im Zentrum des Ostseebads. Kulisse für das Spektakel bilden die weißen Fassaden der umliegenden Gebäude. In der Rondellmitte präsentiert sich ein Obelisk mit Fürstenkrone. Sechs der fünfzehn zwei- bis dreigeschoßigen Häuser, darunter das Pädagogikum und das Direktorenhaus, dürften großteils auf Entwürfe Steinmeyers zurückgehen.

Der Ort Putbus war 1800 einsamer Sitz der Fürstenfamilie. Selbst 1833 wohnten gerade einmal 601 Menschen dort. Bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts beschloss Kurfürst Malte I. seinen Heimatort in eine Stadt im damals rügenuntypischen klassizistischen Stil zu verwandeln. Innerhalb von fünfzehn Jahren wuchs eine Kleinstadt mit nationaler Ausstrahlung heran, die auch 200 Jahre später als architektonisches Denkmal des Kurfürsten und als Wiege der Bäderarchitektur auf Rügen gilt. Wie eine weiße Traumstadt wirkt sie noch heute. Viele der mehrstöckigen, erhabene Gebäude tragen die Handschrift Steinmeyers. Innerhalb von 30 Jahren baute der Architekt zudem fast alles um, was in Putbus Rang und Wichtigkeit hatte. Darunter das kurfürstliche Schloss selbst, die Fasanerie und das Theater.

Das Taufbecken des Bäderstils

Badehaus Goor Der genaue Ursprung des Rügener Bäderstils liegt noch ein paar Kilometer vom Stadtkern entfernt. Unmittelbar am Ufer des Greifswalder Bodden, zwischen Rotbuchen und Stieleichen, steht das ehemalige Warmwasser-Badehaus Goor. Heute ein Kurhotel, begründete es 1816 den Ruf des ersten Seebad Rügens. 1833 baute Steinmeyer das Gebäude zu seinem heutigen Aussehen um. Nichts fehlte an Pomp in dem tempelartigem Saal mit Säulengang, liegende Zinklöwen, Freitreppen und ein Rondellplatz mit Springbrunnen. Luxus für eine damals eher rückläufige Badekundschaft. Luxus, den man sich heute nur zu gerne gönnt.

 

Im Rahmen der Inselbaukunst-Jahreskampagne gibt es in diesem Jahr eine Vielzahl spannender Führungen. Hier geht es zur Übersicht.


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