Aufgetischt! Ernst Heinemann || Rügenhof Putgarten


Berthe Jentzsch ist zwar gebürtige Berlinerin, braucht aber ab und zu Meer. Daher reist sie gerne. Entweder auf die Insel Rügen oder auf die Halbinsel Italien, wo sie einige Zeit lebte. Sie studierte Literaturwissenschaft in Wien und am Peter-Szondi-Institut in... mehr

Familie Heinemann und das orangefarbene Gold

„Sanddorn braucht vor allem eins: gute Menschen“, erzählt Ernst Heinemann und schlägt eine Flasche leuchtend orangenen Sanddornlikör mit dem Verschluss voran auf den Tisch und schüttelt sie. Unter dem Deckel bildet sich gut erkennbar ein Pfropfen aus dicken, leicht öligen Ablagerungen. Eine Mischung aus Fruchtfleisch und den Ölen der Sanddornkerne, wie der grauhaarige Mann mit der Seemannsmütze erklärt. „So erkennt man einen naturbelassenen Sanddornsaft, dessen natürliche Beschaffenheit und die Landschaft, in der er wächst, respektiert wurden“.

Wir sitzen in der Gaststube des Gutshauses in Putgarten am Kap Arkona, dem nördlichsten Punkt der Insel Rügen. Hinter uns prasselt der Kamin. Frau Heinemann serviert Gästen am Nachbartisch dampfende Kohlsuppe mit Kassler und selbst gemachte Kürbis-Sanddorn-Suppe. Im „Rügen-direkt-Laden“ hinter uns stehen in Holzregalen die Erträge der hauseigenen Produktion: Marmeladen, Quitten-, Pfefferminz- und Johannisbeerliköre, Kräuteröle und Sanddornsäfte.
Unweit des alten pommerschen Gutshauses, welches Familie Heinemann 2001 gekauft und renoviert hat, liegt, wie eine ovale Insel zwischen den hügeligen Feldern, die vier Hektar große Sanddornplantage. Drei verschiedene Kultursanddornsorten, die sich in Größe und Ergiebigkeit unterscheiden, wachsen hier: Frugana, Hergo und Leikora. Im Spätsommer, wenn es draußen kälter wird, ist es Zeit für die Ernte der Vitamin-C-reiche “Zitrone des Nordens“, die längst zu einem Wahrzeichen für die Insel geworden ist. Denn abgesehen von den guten Menschen brauchen die Sträucher – neben viel Sonne – noch eine weitere Gegebenheit: sandigen Boden. Und den gibt es auf Rügen, nun ja, wie Sand am Meer.

Sobald die Früchte die richtige Reife erreicht haben, beschneidet Herr Heinemann zusammen mit zwei Erntehelfern die stacheligen Sträucher in Handarbeit. Ein behutsamer Schnitt ist ebenfalls notwendig, um die Sträucher vor dem Auseinanderbrechen zu bewahren. Größere Äste reduziert der Landwirt und ehemalige Bürgermeister der Gemeinde Putgarten weiter. Da die schlanken, dunkelgrünen Blätter dem Saft einen bitteren Beigeschmack verleihen würden, werden sie ebenfalls entfernt. Entblättert frieren die Zweige nun, anders als häufig in der industriellen Verarbeitung, nicht mit Hilfe von Stickstoff bei minus 80 Grad, sondern bei minus 20 Grad, ein. Auf diese Weise bleiben die Inhalts- und Geschmacksstoffe der Früchte erhalten.

Um die Beeren von den Zweigen zu lösen, werden sie im gefrorenen Zustand abgeschlagen und dann in der mechanischen Schlagmühle, die vor dem Eingang des Gutshauses auf ihren Einsatz wartet, zermust. Wichtig ist hierbei, die Kerne nicht herauszufiltern, da sie wertvolles Vitamin B12 enthalten, welches sich sonst fast ausschließlich in Fleisch- und Fischprodukten findet. Besonders Vegetariern und Veganern mangelt es häufig an dem Provitamin. In der Kaltpresse wird der Saft aus den Früchten gelöst und die Maische anschließend noch einmal per Hand zu Sanddornnektar gepresst.
Aus Schutz vor Pestiziden hat der überzeugte Biobauer einen Saum von wilden Sanddornbüschen um die eigentliche Plantage gepflanzt, die Schadstoffe abhält. Ebenso wie im einen Hektar großen Naturgarten hinter dem Gutshaus mit sechzig verschiedenen alten Baum- und etwa fünfzig Kräuterarten, verzichtet der Landwirt vollständig auf den Einsatz künstlicher Dünge- und Insektenschutzmittel. Vielmehr wird die Selbstregulation der Pflanzen durch ausgewogene Mischkultivierung und Respektierung der Fruchtfolge unterstützt.

Die Sanddornprodukte des Rügen-direkt-Gutshauses erzählen von der Nähe zur Natur und der Liebe zur Umgebung, in der sie ihren Ursprung haben. Wer sich davon überzeugen möchte, wagt eine Reise an das nördlichste Ende der Insel. Von September bis Dezember kann man mit den Heinemanns dort auch selbst seinen eigenen Sanddorn ernten.


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