Ein Hühnergott vom Beringmeer


Holger Vonberg ist gebürtiger und bekennender Rüganer. Sein Berufswunsch als Zweijähriger: „Urlauber Baabe“. Das hat nicht ganz geklappt. Ab 1991 war er als Journalist u. a. für den NDR, die OZ und den „Urlaubs-Lotsen“ auf der Insel unterwegs. Bis März... mehr

Eulen nach Athen zu tragen, ist wie Bier nach München zu pumpen, Torf ins Moor zu schaufeln, Holz in den Wald zu schaffen oder Hühnergötter nach Rügen zu schleppen. Und genau das, einen Hühnergott vom Beringmeer und vom Baikalsee auf Deutschlands größte Insel zu holen, das hat Gerald Malaschnitschenko, genannt Maschi, mit seinem Reisegefährten Torsten Henze nicht nur sprichwörtlich gesagt, sondern tatsächlich auch getan.

Im August sind sie gestartet, um die schier unendliche Weite Sibiriens zu entdecken,
soweit die Flügel sie zunächst trugen. Mit dem Flugzeug ging es stundenlang gen Osten „bis ans Ende der Welt“, wie Maschi erzählt. Allein der Gedanke, dass hinterm Horizont schon Alaska zu erahnen sein könnte, habe die beiden Abenteurer getrieben, soweit die Füße sie dann später trugen.

Doch erst einmal wurden die Ankömmlinge von der Polizei festgesetzt, denn der äußerste Osten Russlands ist besonders gut gesichert. Um vom Flughafen Anadyr in die Stadt auf der anderen Seite der Bucht zu gelangen, brauchten sie ein Visum. „Und das hatten wir nicht“, so der reiselustige Maschi, der mit seinem Kumpel schon im Ural und im Kaukasus war und mal „ganz so nebenbei“ auch die Insel Krim umrundet hat.

Nachdem die Formalitäten (Fingerabdrücke usw.) erledigt und die fällige Strafen für die fehlende Visa bezahlt waren, eröffnete sich den beiden der Osten Sibiriens. Zumindest ein Stückchen.

„Wir sind im Schnitt 15 Kilometer am Tag gewandert, einmal auch 25 Kilometer. In der Tundra wollten wir Bären sehen, haben aber nur Beeren gefunden und uns nasse Füße geholt“, so Busfahrer Maschi, den besonders die Belugas, die weißen Wale, beeindruckt haben, die bis ans Ufer geschwommen sind. Und dann waren da doch noch ein Eisbär und zwei Braunbären, mit denen er sich fotografieren lassen konnte. „Sie waren handzahm, weil ausgestopft.“

Dass die Plattenbauten bei den Tschuktschen – anders als in Bergen-Süd – nicht auf Kellern, sondern auf Stelzen im Permafrost stehen, dass der Dörrfisch gewöhnungsbedürftig schmeckte und die Matrjoschka*, bei der sie geschlafen haben, ganz angenehm war, dass die Erstklässler äußerst akkurat in Schuluniform antreten und die beiden Männer wohl doch die einzigen deutschen Touristen in dieser abgelegenen Gegend waren, wird wohl irgendwann in Maschis Memoiren stehen, wenn er sie denn auch schreibt oder schreiben lässt. (*Zur Ehrenrettung der Männer sei an dieser Stelle verraten, dass die „Matrjoschka“ eine Pension war.)

Zurück ging es mit dem Flugzeug bis Chabarowsk und mit der Transsibirischen Eisenbahn am Baikalsee entlang wieder gen Westen. „Diese zweieinhalb Tage im Zug waren ein Traum.“

Vom Baikalsee und von der Beringstraße haben die beiden Hühnergötter mit nach Rügen gebracht.
Die sollen bekanntlich Glück bringen – auch für die nächste Reise, die vielleicht ans Asowsche Meer geht.
Nun die Frage der Inselexperten: Von wo haben Sie, liebe Leser, schon einmal Hühnergötter nach Hause mitgebracht? Haben Sie vielleicht eine richtige Hühnergötter-Sammlung oder ein ganz besonderes Exemplar? Oder haben Sie gar die Novelle „Der Hühnergott“ von Jewgeni Alexandrowitsch Jewtuschenko im Original gelesen? Schreiben Sie uns! Unten haben wir extra für Sie einen Kommentarbereich installiert.

 

P.S.: Wussten Sie übrigens, dass das Wort „Hühnergott“ 1975 Einzug in den Duden-Ost hielt, im Westen keine Rolle spielte und 1990 (!) im ersten gesamtdeutschen Duden nicht einmal erwähnt wurde? Zehn Jahre mussten vergehen, bis der Hühnergott im Duden wieder ein Comeback feiern konnte. Bei uns auf Rügen war er aber nie im Aus.

Fotos: privat


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