Notizen einer Landratte


Maik Brandenburg ist als Reporter weltweit unterwegs für Magazine wie Mare, Geo, Merian und Free Man's World. Auch, wenn das Reisen seine Leidenschaft ist: "Am Ende zählt, dass ich stets wieder auf Rügen lande", sagt er. Brandenburg lebt mit seiner... mehr

Ich hasse das Meer nicht. Ich betrachte es nur lieber vom sichereren Ufer aus. Das liegt einzig an meiner chronischen Seekrankheit. Sie beutelt mich nicht permanent, doch für den nächsten Schub reicht es schon, mir ein Meer bei Sturm vorzustellen. Ganz zu schweigen von einer Reise unter Segeln. Mögen andere die Planken besingen, ich kotze sie nur voll. Darunter leidet jede Poesie. Meine früheste Erinnerung an die Freuden der Seefahrt sieht mich auf dem Schoß der Mutter. Um mich herum die finsteren Mienen Mitreisender und ein Arm, der sich schützend um mich schlingt. Die Fähre fuhr von Rügen nach Hiddensee, dazwischen tobte das entfesselte Meer. Schreckliche 30 Minuten vergingen. Ach was, sie vergingen eben nicht. Über mir dröhnte der Bordfunk, Schlager. Ich hielt dagegen mit meinem ersten eigenen Shanty, eine Art frühem Rammstein-Song. Ich sang aus wirklich vollem Hals. Einige Passagiere tanzten sogar dazu, jedenfalls die in meiner unmittelbaren Nähe. Sie waren wirklich finster, diese Mienen. Eine Halloween-Maske schreckt mich nicht mehr.

Seither bleibe ich an Land und nähre mich redlich. Es gelingt nicht immer. In Irland musste ich vor Jahren einen Kutter besteigen, um einer Frau zu imponieren. Ich hatte damit angegeben, ein echter Jung von der Waterkant zu sein. Was ja auch stimmt. Das ist genauso wahr wie die Vision, die ich vor Augen hatte, gleich nachdem wir am Molenkopf vorbei waren: einfach über Bord zu springen, hinein in den Atlantik, mochte der auch hundert Meter tief sein. Egal, da unten gab es festes Land, und nur das zählte. Keine Ahnung, was mich davon abhielt. Wahrscheinlich schaffte ich den Weg zur Reling nicht mehr.

Neptun allein weiß, was ich schon an Gegenmitteln probiert habe.
Chemische Keulen, mit denen man Tsunamis totschlagen könnte, merkwürdige Brillen mit Balken im Glas, die einen Horizont vortäuschen (mare No. 35), auch der zähe Pflanzenmix eines alten Piraten auf Sulawesi (No. 47) wirkte nicht, ebenso wenig das Geldopfer an den Ozean, das mir ein thailändischer Seenomade (No. 77) empfahl. Nichts hilft gegen das Elend zur See, keine Pillen, Pasten und Peseten. Angeblich hat es mit den Signalen zu tun, die im schwankenden Gehirn nicht zueinanderfinden. Das Auge glaubt nicht mehr, was die Ohren sagen, so in etwa.

Einen eindrucksvollen Beweis dafür erlebte ich auf einer Überfahrt von Sassnitz nach Bornholm. Es herrschte Windstärke acht, und die Fähre war, nun ja, brechend voll. Überall saßen, lagen, krümmten sich die Reste jener, die noch vor Stunden fröhlich pfeifend an Bord gegangen waren. Die Pest aus Wind und Wellen hatte auch den Letzten von uns gefällt. Ich sah Männer in ihren Pfützen heulen, Frauen, die den Sturm verfluchten. Kurz bevor ich erlosch, schrie eine Stimme aus dem Bordfunk: „Und nun das Tagesangebot: Himbeergrütze mit Vanillesoße, halber Preis!“ Für einen Moment herrschte eine gespenstische Ruhe auf dem Schiff, schließlich schwoll ein Geheul aus tausend schmutzigen Mündern gegen den Himmel. Dann starb ich.

Ich hatte aus meinem Handicap das Beste machen wollen, als ich bei mare anheuerte. Ein paar Jahre war ich Redakteur dieses Magazins. Nach außen gab ich mich mit allen Meerwassern gewaschen – mein Schreibtisch war aus den Planken des Schiffes gezimmert, mit dem ich Kap Hoorn umrundet hatte. In Wahrheit trieb mich ein Ziel: Ich wollte mich nach einiger Zeit wegen der Seekrankheit berufsunfähig schreiben lassen. Passend dazu wollte ich auf einem der jährlichen Segeltörns der Redaktion spektakulär zusammenbrechen. Ein endloser Sommer hätte folgen können, ein Leben am Strand aus der Kasse der Berufsgenossenschaft. Bevor es dazu kam, strich unser Chefredakteur die Ausflüge.
Möge er dereinst ruhen in den Roaring Forties.

gefunden im Magazin “mare”


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