Das Bürgerbuch der Stadt Bergen auf Rügen (Teil II)


Seit 1755 leben die Vorfahren von Uwe Hinz als Bürger in Bergen auf Rügen. Hier stand 1948 auch seine Wiege. Sein Interesse für Geschichte, Archäologie und die Bücherwelt sind Bestandteil seines Lebens. Der Kürschnermeister lebt und arbeitet mit seiner Frau... mehr

Das Bürgerbuch war ein Rechtsbuch und die Eintragungen galten als rechtsverbindlich und beweisführend. Jedoch konnten Fehler nicht ausgeschlossen werden. So finden wir dort Bürgersöhne, die das Bürgerrecht erlangten, ohne dass die Väter hier vermerkt waren. Es steht am 14.07.1710 im Bürgerbuch zu Isaac Falcke aus Bergen V. Quartiermeister Isaak Falcke, zuletzt B. Hie; ist anjetzo Reuter unters Herrn Major Rosen Companie, und weil er sich hier häuslich niedergelaßen , hat er den B` eid abgestattet. Dafür entrichtete er8 Mark.

Im Bürgerbuch sind alle Bürger verzeichnet, die das Bürgerrecht der Stadt Bergen erlangten. Nur die Bürger vor dem 19.Juni 1613 wurden nicht erfasst. Hierüber geben die Kirchenbücher Aufschluss. Bergen, die wichtigste Landstadt auf der Insel Rügen zog über die Jahrhunderte zahlreiche Handwerker und kleine Kaufleute an. Sie kamen aus den umliegenden Dörfern der Insel Rügen, aber auch aus Stralsund und dem pommerschen Land (Barth, Wolgast, Kolberg oder Lauenburg), aus Mecklenburg (Dargun, Neubrandenburg,Schwerin oder Wismar) , dem brandenburgischen Land ( Berlin, Prenzlau, Stendal oder Eberswalde), Schleswig- Holstein, Hannover und dem nördlichen Rheinland ( Celle, Köln, Kiel oder Hannover), West- und Ostpreußen ( Elbing, Danzig, oder Königsberg) aus Mitteldeutschland (Bautzen, Dresden, Göttingen oder Naumburg) und Süddeutschland ( München, Nürnberg oder Stuttgart).

Die Vielseitigkeit der Zuwanderer soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die Bergener stets schwertaten mit neu siedelnden Menschen aus deutschen Landen und dem Ausland. Auch Juden waren nicht willkommen.

So beschwerte sich am 29.12.1789 der Kaufmann Jacob Ciappe aus Mailand bei der schwedischen Regierung in Stralsund, dass ihn die Stadt Bergen nicht zum Bürger der Stadt annehmen wolle. Er wäre bereits über Jahre in Pommern und auf Rügen auf Jahrmärkten gewesen. Der Bergener Magistrat habe ihn immer wieder vertröstet und gefordert er solle ein Haus bauen oder kaufen. Das habe er auch zugesagt und Bürgen gefunden. Der Magistrat habe darauf geantwortet, dass er zu oft getäuscht worden sei und ihm das Bürgerrecht verweigert. Die schwedische Regierung hatte daraufhin den Bergener Magistrat aufgefordert innerhalb von 3 Wochen Stellung zu nehmen. Am 08.07. 1790 wurde Jacob Ciuappe*/ Mailand zu St. Gregori, wo V. Landmann ; Handelsmann für 10 Reichstaler zum Bergener Bürger erklärt.

Ähnlich erging es den Juden. So konnte erst 1834 der erste Jude Salemon Levin, nachdem er sich hier hatte taufen lassen und danach den Namen Friedrich Albrecht Carl Löwenthal annahm, in Bergen Wohnsitz nehmen.Der preußische Kronprinz und spätere König Friedrich Wilhelm IV. war sein Pate. Trotz dieser Rückendeckung erlangte er kein Bürgerrecht und nahm sich 1845 im Bergener Gefängnis durch Erhängen das Leben.

Aber ebenso wirkten die verheerenden Feuersbrünste und Seuchen in Bergen.
Die Stadt war involviert unter dänischer und schwedischer Herrschaft in Kriegshandlungen. So wirkten sich der 30 jährigen Krieg in den Jahren 1628/29, 1637/38 und 1644, der dänisch – schwedischen Krieg 1658/59, der schwedisch – brandenburgischen Krieg 1674/79 und der Nordischen Krieg in den Jahren 1709/13 und 15 negativ auf die Entwicklung Rügens und Bergens aus .

Erstaunlich ist ebenfalls, dass in der langen Periode der schwedischer Herrschaft von 1648 – 1815 von 1641 unter den neuen Bergener Bürgern nur 26 Einwanderer aus Schweden die Bürgerschaft bekamen.

Vereinzelt gelang es Einwandern aus Norwegen, Dänemark, aus den baltischen Staaten, Schottland, Belgien, Frankreich und Italien das Bürgerrecht zu erlangen.

Ein Einwanderer kam aus Milwaukee in Amerika nach Bergen.

Nur wenige Familien war es in Bergen vergönnt über mehrere Generationen hier zu wirken. Einige möchte ich benennen: Arndt/ Arend, Benedix,/Benedich, Böttcher/Bödker, Breitsprecher, Buck,Darmer, Ehrke/Ihrcke, Elers/Ölert, Giesow/Gysow, Goldberg/Gollberg, Gootz/Goods, Günther, Hagen, Holfreter, Jahn, Clement, Köve/Koebe/Kaebe,Krüger/Kröger, Lucht, Müller/Müller, Neumann/Niemann, Pommerresch/Pamereßke, Richert, Stahnke/Staneke, Gager oder die Bürger Wolff/ Wulff.

Diese Aufzählungen sind Beispiele und anhand der Häufigkeit der Nennung bis zum Jahre 1814 ausgewählt.

Interessant ist die Vielseitigkeit der Handwerksberufe, die die Bergener Bürger ausübten.
Zahlreiche Berufe werden Ihnen, liebe LeserInnen, kaum noch geläufig sein, da diese edlen Gewerke ausgestorben sind.

In der Stadt Bergen lebten und arbeiteten die Handwerker u.a. als Loeßbecker, Handschumacher, Kürßner, Riemer, Balbierer, Freischneider, Schwarzfärber, Altflicker, Hutmacher, Binder (Böttcher), Schweineschneider, Büchsenmacher, Radmacher, Perlensticker, Grobschmied, Pfefferkuchenbäcker, Reiffschläger, Kannengießer, Böddeker und Butkenbinder, Kunstpfeifer, Gläser,

Kupferschmied, Böddecker, Weber, Heidereiter, Leinweber, Pudelkramer,

Kreppmacher und Fahnenschmied.

Tischler, Maurer, Schneider, Töpfer, Zimmermann, Chirugen, Uhrmacher, Schuster, Schlächter, Ackermann, Fischer, Müller, Brauer, Goldschmied und Kaufmann sind Gewerke,die manchmal auch unter anderen Namen, noch heute existieren.

Letztlich fanden die Zünfte Eingang in das Bürgerbuch, wie die der Bäcker, der Brauer, der Gewandschneider, der Kürschner, der Leineweber, der Müller, der Schlächter, der Schmiede, der Schuhmacher, der Tischler, und der Töpfer.

Die Bürger der Stadt Bergen müssen eine reiche Lebensvielfalt entwickelt haben.

Aus den Reihen der Zünfte stellten sie die Altermänner oder Alterleute, die im Rat die Politik in Bergen mit bestimmten.

Das 1. Bürgerbuch ist eine unermessliche Quelle der Historie unserer Stadt Bergen
und offenbart viele Befindlichkeiten der Menschen zwischen 1613 und 1814.

Auch wenn es heute kein Bürgerbuch mehr gibt, so wird Jahr für Jahr die Geschichte weiter geschrieben. Sie lebt in den Protokollen der Ausschüsse und der Stadtvertretung weiter, in der jährlichen Stadtchronik und den zahlreichen Veröffentlichungen, wie die 2012 und 2013 erschienen Bücher „In Achtsamkeit bewahren – Bergen auf Rügen und seine historische Bedeutung“ oder „Bergen auf Rügen – Die Geschichte einer europäischen Stadt“.

Bewahren wir das Erbe unserer Stadt Bergen auf Rügen und schreiben wir unsere Gedanken und Empfindungen ehrlich und wahrhaftig nieder, damit Bergener Leben und Entwicklung noch nach Jahrhunderten nachvollziehbar ist.

Uwe Hinz

 

Bibliographie:Das Bürgerbuch der Stadt Bergen auf Rügen 1613- 1814/Kreisarchiv Rügen, Das Bürgerbuch der Stadt Bergen auf Rügen(1613 – 1815) Dr. Erwin Aßmann/ Universitätsverlag , Geschichte des Kostüms/ Erika Thiel/ Henschel – Verlag 1980, Verschwundene Arbeit/Rudi Polla/ Christian Brandstätter Verlag 2010, Die Denkmale des Kreises Rügen/ Walter Ohle, Gerd Baier/ Seenamm- Verlag 1963, Stadtmuseum Bergen auf Rügen, eigenes Archiv

 

Inselexperten-Tipp:

Der Autor Uwe Hinz bietet außerdem regelmäßig Stadtführungen in Bergen auf Rügen an:

“Mit Ihrem magister historicus das historische Bergen entdecken”
Ein Streifzug durch unsere Kultur-, Natur-, Architektur- und Kunstgeschichte

Mittwochs (vom 01. April bis 30.September) um 10.30 Uhr
Treffpunkt ist der Platz „ Am Goldener Brinken“ (obere Bahnhofstrasse an der Billroth –Eiche)

ab 2 Personen pro Pers. 10,00 EURO
Dauer ca. 120 Minuten
Individuelle Führungen zu anderen Tagen und Zeiten das ganze Jahr über gern nach Absprache.

Donnerstags (bis Ende September) Kirchen- und Klosterarealführungen von 11.30 – 12.30 Uhr (5 Euro pro Person)
melden am Informationsstand in der Kirche St. Marien

Kontakt: firma-hinz@web.de oder telefonisch unter 03838 252808 (oder abends unter 03838 308485)

 

 


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