Die Homunkulus-Figurensammlung hat ein neues Zuhause


Holger Vonberg ist gebürtiger und bekennender Rüganer. Sein Berufswunsch als Zweijähriger: „Urlauber Baabe“. Das hat nicht ganz geklappt. Ab 1991 war er als Journalist u. a. für den NDR, die OZ und den „Urlaubs-Lotsen“ auf der Insel unterwegs. Bis März... mehr

Über Jahrzehnte fristete das liebevoll handgefertigte Ensemble des maritimen Kammertheaters Seebühne Hiddensee ein Dasein in Koffern und Abstellkammern. Rotkäppchen teilte sich das „Bett“ mit dem bösen Wolf, der Hase bekam die Stacheln des Igels zu spüren und auch der Pirat John Silver von der Hispaniola trieb in der Dunkelheit sein Unwesen. So konnte es nicht weitergehen. Die Figuren probten den Aufstand. Sie wollten ans Licht. „Es wurde einfach Zeit, dass etwas passiert. Aber unsere Meuterei hat sich gelohnt“, freut sich Pinocchio. „Mitten in Vitte stand plötzlich ein Stück Land zur Verfügung. Dann wurde auch noch eine Schatztruhe mit Fördergeldern angeschwemmt. Und wir haben die Architektin Johanne Nalbach gefunden, die die Träume vom Reißbrett wahr werden ließ“, so Pinocchio. Nun wohnt er mit mehr als 200 weiteren Marionetten und anderen Theaterfiguren gleich neben dem alten Zollhaus in einem zauberhaften Quartier – nur ein paar Schritte vom Hafen entfernt.

Das Holzhaus mit Probenbühne, einem kleinen Café, mit behindertengerechten Sanitäreinrichtungen und der Figuren- und Requisitenausstellung ist nicht nur ein architektonisches Meisterwerk, sondern auch ein neuer Leuchtturm, der die Kultur auf dem Söten Länneken ins richtige Licht setzt und als Ganzjahres-Angebot nachhaltig und saisonverlängernd wirken wird. Rund 500 000 Euro hat das Projekt gekostet, gefördert vom Wirtschaftsministerium, unterstützt vom Förderverein und von Freunden des Theaters. Sie haben auch Patronatschaften für etliche Figuren übernommen, unter anderem die Schauspieler Corinna Harfouch und Pierre Sanoussi-Bliss und der Schriftsteller Christoph Hein.

„Wir brauchen mehr solcher Anreize, um im touristischen Wettbewerb mit anderen Bundesländern mithalten zu können“, sagte der Minister für Wirtschaft, Bau und Tourismus Harry Glawe bei der Übergabe des Fördermittelbescheides vor einem Jahr.  Jetzt, am 21. März, düste er mit dem Wassertaxi zur feierlichen Eröffnung erneut nach Hiddensee. Die 210 000 Euro aus Mitteln der „Gemeinschaftsaufgabe zur Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur“ sowie aus dem „Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums“ seien gut angelegt, so der Minister.

Am Tag zuvor hatte sich Kay Zeisberg, der Vorsitzende des Fördervereins, auf der Bühne ans restaurierte Klavier gesetzt und kurz „Für Elise“ angespielt. „Dieses historische Instrument stand früher auf Sylt im Ahlbornsaal des Nordseeheimes Klappholttal und erklang schon in jener Zeit, als Gret Palucca dieser Nordseeinsel ihre Sommerbesuche abstattete.“ Palucca war 1924 erstmals auf Sylt. Seit 1948 aber verbrachte die Meistertänzerin und Tanzpädagogin ihre Sommerferien auf der Insel Hiddensee. Auch ihre letzte Ruhe fand sie auf dem Söten Länneken, auf dem Friedhof von Kloster. „Nun ist das Klavier hier“, sagte Kay Zeisberg. „Palucca würde sich freuen.“

Zu den ersten Gästen zählten Carola, Simone, Anke und Heike aus Kamenz. Sie sind zu einer Fastenwoche auf der Insel. Auf Kultur aber wollen sie nicht verzichten. Sie kennen die Seebühne und waren ganz neugierig auf die Figurensammlung. Ihre Kommentare: „Lieblich, Nostalgie pur.“ „Ich bin sehr begeistert.“ „Ein Museumsneubau ist eher selten, für Hiddensee ist das eine absolute Bereicherung.“

„Ich bewundere die handgefertigten Puppen. Jede Figur hat ihre eigene Geschichte. Hier sieht man auch, wie viel Liebe in dem ganzen Projekt steckt. Es ist schön, dass diese Liebe weitergeben wird.“

Besonders gut aufgelegt war zur Eröffnung die kleine Besatzung der Hiddenseer Seebühne: die Direktorin Wiebke Volksdorf und ihr Mann, der Puppenspieler Karl Huck. Für sie ist ein Traum in Erfüllung gegangen. „Das Schwierigste war, die richtigen Leute für die richtigen Aufgaben zu finden. Ich kann jetzt Leute besser verstehen, die Flughäfen, Bahnhöfe oder Philharmonien bauen“, sagte Karl mit einem verschmitzten Lächeln, „weil die Vorstellungen der Firmen und die der Bauherren oft weit auseinander liegen. Wir haben aber den großen Spagat geschafft.“ Das Bauen auf Hiddensee habe doch so seine Besonderheiten. Jeder Nagel, jede Schraube, jedes Brett kommt mit der Fähre aufs Eiland.

Wiebke und Karl werden ihre Hände jetzt aber nicht ruhen lassen. Denn die Proben für das Shakespeare-Stück „Der Sturm“ gehen in die heiße Phase. Ostern ist Premiere, freute sich Wiebke: „Theaterarbeit macht nun mal mehr Spaß als Bauarbeit.“

Text und Fotos: Holger Vonberg

 

Öffnungszeiten: täglich von 11.00 bis 17.00 Uhr

Infos:

www.homunkulus.de

www.hiddenseebuehne.de


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