Zeesboote – Die Kutschen der Seebarone


Maik Brandenburg ist als Reporter weltweit unterwegs für Magazine wie Mare, Geo, Merian und Free Man's World. Auch, wenn das Reisen seine Leidenschaft ist: "Am Ende zählt, dass ich stets wieder auf Rügen lande", sagt er. Brandenburg lebt mit seiner... mehr

Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann? Für die Kinder um Stralsund, die so schon vor hundert Jahren riefen, war das nicht nur ein Spruch. Sie wussten genau: Ihr schwarzer Mann hieß Johannes Kröger. Der Fischer mit dem Walrossbart trug stets eine Melone. Sein Gesicht sei tiefdunkel gewesen vom Teer – pechschwarz wie sein Zeesboot. Hannes Kröger, den alle nur „Schwart Johann“ riefen, ist längst tot. Sein Boot aber gibt es immer noch.​

Ihre braunen Segel sind die Markenzeichen der Zeesboote. Nur noch ein paar fahren in Rügens Gewässern. Erinnerung an eine ferne Zeit

Nur schwarz ist es nicht mehr. Der braune Rumpf der „Schwart Johann“ pflügt durch den Bodden vor Gager. Längst trägt es keinen Fischer mehr, sondern Ausflügler. Schon in den 80er-Jahren des vorigen Jahrhunderts warf der letzte Zeesbootfischer für immer den Anker. Niemand hisst mehr die braunen Segel und geht mit Zeesbooten auf Aal- und Heringsfang.

Auch die „Schwart Johann“ fährt Touristen über den Bodden. An ihrem Heck sitzt Kapitän Otto – ebenfalls mit Bart, die Pinne fest in der Hand und vor allem sauber gewaschen – und erzählt seine Döntjes. Ein kräftiger Wind bläht die Segel. „Ihre braune Farbe kommt vom Ochsenblut, mit dem die Fischer damals ihre Segel gegen Wind und Wetter schützten“, ruft Otto gegen die Brise. Dazu kamen Teer, Rindertalg, Gerblauge von Eichen und sogar Lebertran. Teure weiße Segel aus Leinen, die speziell präpariert waren, konnten sich nur große Kauffahrer leisten. Dennoch waren auch die Zeesbootfischer nicht die Ärmsten. Ihr Geschäft mit Aal, Hering, Zander oder Barschen erlaubte es, auf ihren Booten kleine Kajüten oder Pantrys einzubauen. „Barone der See“ wurden sie darum auch gerufen, ihre Zeesboote spöttisch oder neidvoll „Kutschen“ genannt. Ein anderer Spitzname lautete: „Ackerbauern der Meere.“ „An ihren Netzen, den Zeesen, hingen oft Hühnergötter“, weiß Skipper Otto. „Die Steine hielten das Netz auf Grund und so ​pflügten die Fischer beim Schleppen den Boden um.“ Diese umweltschädigende Art des Fischens ist heute verboten. Aber fischen wollen die Passagiere der „Schwart Johann“ sowieso nicht. Sie wollen in Ruhe die Landschaft genießen, die wunderbare Aussicht auf die Zickerschen Berge oder den Vilm. Und dabei vielleicht noch ein Liedchen singen, am besten einen ordentlichen Shanty.

Kein Problem: Bootsfrau Christa schnallt ihr Akkordeon um und schon trecken die Ostseewellen auch musikalisch an den Strand, steigt „La Paloma“ in den Himmel über Rügen. Vor drei Jahren stand Christa winkend an der Pier von Gager und wollte „einfach nur mal mitsegeln“. Wenig später saß sie das erste Mal samt Schiffermütze und Akkordeon auf der Ducht. Seitdem ist die 72-jährige ehemalige Musiklehrerin so etwas wie das Maskottchen an Bord der „Schwart Johann“. Das Holzboot wurde übrigens vor ein paar Jahren generalüberholt. Seitdem glänzt der 1901 gebaute Kahn wieder wie frisch gehobelt. „Acht Tonnen wiegt er, er ist eigentlich ein Baum“, sagt Otto augenzwinkernd. Nur noch zwei Zeesboote fahren auf Rügen (Gager und Schaprode). Sie sind die letzten Zeugen einer Jahrhunderte alten Fischertradition.

Gefunden im Magazin „Rügen. Wir sind Insel“, Autor Maik Brandenburg



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