Märchenwald


Seit 2004 arbeitet Janet Lindemann als Freie Journalistin auf der Insel Rügen. Sie interessiert sich besonders für die Themen Kultur, Natur, Tourismus und Reisen. Ihre Text- und Bildbeiträge erscheinen unter anderem im Sommer-Magazin der Ostsee-Zeitung, dem Magazin für schlaue Eltern... mehr

Der Winter verabschiedet sich und mit der wärmenden Frühlingssonne kehrt die Kraft zurück. Die Natur erwacht, alles scheint leichter und beschwingter. Es zieht uns in Freie. Das Licht und die Wärme machen Lust auf das Leben. Ein Spaziergang am Meer oder im Wald erfrischt und bringt Körper und Seele zum Schwingen. Der Frühling steht für Aufbruch, für die Veränderung, für das Wachstum. Er signalisiert uns, ausgetretene Pfade zu verlassen und neue Wege zu gehen. Dazu müssen wir uns nicht unbedingt auf den Jakobsweg begeben. Um Zugang zur eigenen inneren Stimme zu bekommen, um die unzähligen Eindrücke des Alltags zu verarbeiten, genügt oft schon eine achtsame Wanderung durch die Natur. Orte ohne Menschengeplapper, klappende Autotüren oder Straßenlärm sind selten geworden. Der Märchenwald im Norden von Rügen ist so ein Ort.

Hier lenkt nichts ab, alles scheint ganz besonders: die Bäume, der Strand, der Himmel.
Hier gelingt uns das, was die meisten Menschen verlernt haben: Im Hier und Jetzt zu sein und den gegenwärtigen Moment zu genießen. Der Märchenwald, der sich zwischen dem Kap Arkona und Dranske befindet, bietet Raum zum Träumen und Reisen. Wer ihn betritt, kann seine Magie spüren.

Eine Baumreihe reckt die Arme zum Willkommensgruß. Ihre Stämme sind kurz und knorrig. Die Äste lang und mächtig. Es scheint, als wollen sie uns in ihr Zauberreich locken. Eine Baumwurzel könnte die Höhle von Waldwesen sein. Die Wurzel eines anderen Baumes schlägt eine Brücke zu seinem Nachbarn. Zwei Buchen sind am Stamm unzertrennlich. Sie lassen sich von nichts und niemanden stören. Sie halten einander und wiegen sich im eigenen Rhythmus.

Wie ein schauriger Waldgeist sieht der breite Stamm eines Baumes am Wegesrand aus. Er hat seinen Blick auf die Ostsee gerichtet. Warum schaut er so grimmig? Die meisten Bäume im Märchenwald sind gewaltig und doch filigran gemustert. Ihre Wurzeln weit verzweigt. Wer genau hinschaut, erkennt Figuren und Wesen. Einige Bäume haben sich einen Mantel aus Moos zugelegt. Ob der sie vor dem kühlen Seewind schützt?

Von einer Bank am Hochufer gleitet der Blick auf die Ostsee, auf die unzähligen Steine am Strand.

Der Klang von Wind und Wellen verschmilzt zu einer lieblichen Melodie. Spätestens hier verstummen die Gedanken.
Ein Bach namens Müllerrinne windet sich durch das Areal. Auf der anderen „Uferseite“ stehen die Bäume in grauen Reihen, beinahe brav. Der Blick gleitet darüber, und nach und nach lösen sich einzelne Stämme heraus: dieser steht ein wenig dichter am anderen, fast ihn umarmend mit seinen Ästen, jener hat einen Knorren, der einem Auge ähnelt. Gegen den Wechsel der Jahreszeiten, gegen all die Veränderungen des Lebens, gegen die Kriege der großen Welt und die Stimmungen, Launen und Ängste der kleinen, der inneren Welt stehen die Bäume der Märchenwälder unbeeindruckt und beständig. Sich ihnen zu nähern, gibt auch dem eigenen Herz für einen Moment etwas von ihrer Ruhe und ihrer Kraft.

 

Fotos: Janet Lindemann


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