„Wenn Mutti früh zur Arbeit geht. . .“


Holger Vonberg ist gebürtiger und bekennender Rüganer. Sein Berufswunsch als Zweijähriger: „Urlauber Baabe“. Das hat nicht ganz geklappt. Ab 1991 war er als Journalist u. a. für den NDR, die OZ und den „Urlaubs-Lotsen“ auf der Insel unterwegs. Bis März... mehr

Der 8. März auf Rügen – eine kleine Zeitreise in die DDR-Geschichte.

Er war und ist ein Kampftag für die Rechte und die Gleichstellung der schönsten Geschöpfe der Welt: der 8. März, der Internationale Frauentag. Auch auf der Insel war dieser Tag zu DDR-Zeiten ein ganz Besonderer. In den Rügener Büros, im Textilkombinat, im Gesundheitswesen, im Handel und in der Landwirtschaft, der Hotellerie und Gastronomie oder auch im Fischwerk Sassnitz gab es am 8. März legendäre Feiern, bei denen die Männer einmal im Jahr die Schürzen umbanden und ihren Kolleginnen Kaffee oder auch so manchen Lütten einschenkten. Hinter vorgehaltener Hand wird noch heute von ausgelassenen Festen geschwärmt. Aktivistinnen und verdienstvolle Frauenkollektive wurden ausgezeichnet. Blumen, meist rote Nelken, kamen von der Partei- und Gewerkschaftsleitung, selbst gemalte Glückwunschkarten von den Kindern aus den Kitas und Schulen, auch ein Ständchen. Ganz beliebt: „Wenn Mutti früh zur Arbeit geht, dann bleibe ich zu Haus…“

In der OZ-Kolumne „Guten Tag, liebe Leser“ vom 9. März 1995 ist folgende Randbemerkung zu lesen: „In Vorwendezeiten war es den gelernten männlichen DDR-Bürgern in Fleisch und Blut übergegangen, sich spätestens am Vorabend des Internationales Frauentages auf die dann zumeist aussichtslose Jagd nach Blumen zu machen. Blumen für die holde Weiblichkeit war das Mindeste zum 8. März, der alle Jahre wieder routinemäßig abgefeiert wurde. Heute tun sich viele Zeitgenossen schwer mit diesem Datum. Man(n) ist verunsichert. Allzu viel Aufmerksamkeit am Frauentag könnte ja den Verdacht nähren, man(n) hänge alten DDR-Relikten nach. Völlig unbeeindruckt von solchen Ängsten zeigte sich gestern der Busfahrer des 6-Uhr-Frühbusses Bergen-Göhren. Er begrüßte alle zusteigenden weiblichen Fahrgäste mit den Worten: „Guten Morgen! Herzlichen Glückwunsch zum Frauentag!“ Die angesprochenen Damen waren erstmal überrascht und fanden schließlich: eine tolle Geste.“ Zitat Ende.

Der  8. März war zu DDR-Zeiten nicht nur ein Feiertag, sondern tatsächlich auch ein Kampftag, wie der Zeitung aus jenen Jahren zu entnehmen ist.
Am 12. März 1986 wurde vom 8. März auf Rügen berichtet. So hatten sich in Binz fast 800 Frauen und Männer zu einer Friedenskundgebung an der OdF-Gedenkstätte versammelt, um der Opfer des Faschismus zu gedenken, Liedern vom Spatzenchor der Herbert-Warnke-Oberschule zu lauschen und 50 Friedenstauben in den Ostseehimmel steigen zu lassen. Blumen und gebastelte Friedenstauben aus Papier wurden in der Gaststätte „Jasmunder Hof“ an die Sagarder Frauen überreicht. Und im Selliner Kinosaal beglückwünschte ein Vertreter der Kreisparteikontrollkommission etwa 200 Frauen zum Ehrentag. „Ein Solibasar mit hübschen Handarbeiten erbrachte einen Erlös von 160 Mark“, ist in der Zeitung zu lesen.

1989 bekundeten „drei Frauen-Generationen bei machtvollen Meetings in Sassnitz und Bergen“ ihren Friedenswillen. Geehrt wurden Frauen, „die das Beste für das Aufblühen unseres Staates geben“. Und es wurde in Sassnitz Bilanz gezogen. Viel sei dort getan worden, „damit Frauen Beruf und Familie in Einklang bringen können. Wurde 1954 die erste Kinderkrippe mit 41 Plätzen eröffnet, so kann heute (1989) jede Mutter für ihre Kinder Krippenplätze in Anspruch nehmen. 1949 gab es nur eine Grundschule, heute (1989) existieren viel Oberschulen mit 125 Klassen.“ Damals wars.

Die Zeiten änderten sich. Mit der Wende kam für viele Großbetriebe auch auf Rügen das Aus. In den verbliebenen Firmen aber wurde die Tradition des Frauentages meist weiter gepflegt. Und der Blumenhandel jubilierte. Nur der Verkauf von roten Nelken ist seitdem leicht rückläufig.

Übrigens: Am 8. März 1994 gab es eine spektakuläre Aktion – sowohl auf der Zugspitze als auch am Kap Arkona.
Damals entrollten engagierte Frauen hier wie dort zeitgleich meterlange Transparente. Das am Kap war fast so lang wie der Schinkelturm hoch ist. Die Forderung: „Von Nord bis Süd – uns reicht’s. Deutschland in Frauenhand, das wäre Spitze.“

Haben Sie, liebe Inselfreunde noch Fotos vom DDR-Frauentag? Wir würden uns über eine Mail mit Anhang freuen:

Text und Repros: Holger Vonberg

 

Der Internationale Frauentag oder kurz Weltfrauentag genannte Tag der Vereinten Nationen für die Rechte der Frau und den Weltfrieden wird weltweit von Frauenorganisationen am 8. März begangen. Er entstand in der Zeit um den Ersten Weltkrieg im Kampf um die Gleichberechtigung und das Wahlrecht für Frauen. Die deutsche Sozialistin Clara Zetkin schlug auf der Zweiten Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz am 27. August 1910 in Kopenhagen die Einführung eines internationalen Frauentages.

Der Beschluss in Kopenhagen lautete:

„Im Einvernehmen mit den klassenbewussten politischen und gewerkschaftlichen Organisationen des Proletariats in ihrem Lande veranstalten die sozialistischen Frauen aller Länder jedes Jahr einen Frauentag, der in erster Linie der Agitation für das Frauenwahlrecht dient. […] Der Frauentag muß einen internationalen Charakter tragen und ist sorgfältig vorzubereiten.“

Der erste Frauentag wurde dann am 19. März 1911 in Dänemark, Deutschland, Österreich-Ungarn und der Schweiz gefeiert.

 


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