Linda, Lennon und das Leben


Holger Vonberg ist gebürtiger und bekennender Rüganer. Sein Berufswunsch als Zweijähriger: „Urlauber Baabe“. Das hat nicht ganz geklappt. Ab 1991 war er als Journalist u. a. für den NDR, die OZ und den „Urlaubs-Lotsen“ auf der Insel unterwegs. Bis März... mehr

Der Kutscher Christian Krüger geht mit seinem Pferd in Rente: Ein Porträt.

Kloster. Ein trüber Tag im November. Nasskalt liegen Schleier über dem „Söten Länneken“. Enten und Kanadagänse teilen sich leise schnatternd das Hafenbecken von Kloster. Nur wenig weichen die Wasservögel zur Seite. Die Fähre kommt. „Sie werden mich schon nicht verpassen“, hatte Christian Krüger am Telefon gesagt und sein Erkennungszeichen verraten: „Hab eine John-Lennon-Brille auf der Nase und bin nicht mehr der Jüngste.“ Er ist der einzige Insulaner, der an diesem Tag an der Kaikante steht und auf seinen Besuch wartet. „Na, was macht deine Lieselotte“, fragt lachend der Bootsmann und legt die Festmacherleine über den Poller. „Alles gut“, erwidert Christian Krüger. Und ein Lächeln huscht über sein Gesicht. Er kennt diese Art von Scherzen. „Mal sagen sie eben Lieselotte. Dabei heißt sie doch Linda. Und das wissen die Leute.“

Kutscher war er, erzählt er auf dem Weg in Richtung Gerhart-Hauptmann-Haus. „Seine“ Linda hat er vor ein paar Wochen in Rente geschickt. Linda ist 18 Jahre alt und ein Mecklenburger Vollblut. Ein Großvater hatte es für seine Enkelin als Reitpferd gekauft. Als dem Mädchen der erste Freund über den Weg lief, war das Tier nicht mehr von Interesse. So kam Linda nach Hiddensee – als Zugpferd für die Insellogistik. „Es hat Blut, Schweiß und Tränen gekostet, um sie einzufahren“, erinnert sich der 64-Jährige Christian Krüger. „Linda wollte erst nicht.“ Zu zweit musste sie gebändigt werden, denn mit der Kutsche zu warten, wenn die Pakete ausgeliefert wurden, das war zunächst nicht ihre Bestimmung. „Irgendwann aber hat sie das geschnallt.“

Auch Christian Krüger musste sich umstellen und mehrere Prüfungen als Kutscher ablegen, sogar im Straßenverkehr auf Rügen.
„Ich war leidenschaftlicher Dressurreiter. Da bist du eins mit dem Pferd, kannst es durch Schwerpunktverlagerung und mit den Unterschenkeln steuern. Auf dem Kutschbock aber hast du nur die zwei Leinen in der Hand. Und die Bremse. Doch wenn der Zossen durchgeht. . .“ Das ist ihm mit Linda nie passiert. Bis zuletzt waren sie ein gutes Gespann. So manchem illustren Gast haben sie die Insel gezeigt. Wer seine Passagiere auf der restaurierten Kutsche waren, das verrät er nicht. Betriebsgeheimnis.

Kloster scheint an diesem Morgen noch zu schlafen. Eine Schiffssirene ist gedämpft zu hören, auch der seltsame Gesang der im Dunst vorbei fliegenden Schwäne. In der Ferne – das harte Klappern von Hufeisen. Sie knallen auf Beton. „Der Belag ist nicht gut für die Hufe und die Gelenke“, weiß Christian Krüger. „Asphalt wäre besser, der federt etwas. Ist aber nicht inseltypisch, haben die Verantwortlichen gesagt. Was ist denn inseltypisch, Beton?!“

Wir gehen zum „Wieseneck“. Dort brennt an diesem Morgen schon Licht. In einer Seitenstraße schimpft der drahtige Mann über „sibirische Verhältnisse“, den aufgeweichten Boden, in dem schon einige Inselbesucherinnen mit ihren Stöckelschuhen versunken sind. Gummistiefel sind praktischer. Das weiß er seit seiner Kindheit. Auf Hiddensee wurde Christian Krüger gezeugt.

Seine Mutter stammte aus Berlin, der deutschen Stadt, die nach dem Zweiten Weltkrieg viergeteilt war. Ihr Zuhause befand sich nun im amerikanischen Sektor von Berlin. In Greifswald absolvierte sie ihre Ausbildung zur medizintechnischen Assistentin. Der vierte Nachkriegssommer, die heiße Zeit des Kalten Krieges, hatte längst begonnen. Die Russen sperrten im Juni 1948 alle Straßen- und Eisenbahnverbindungen zwischen den westlichen Besatzungszonen und Westberlin. Monatelang konnten die Menschen in diesen von Franzosen, Briten und Amerikanern besetzten Teilen der einstigen Reichshauptstadt nur über eine Luftbrücke mit Lebensmitteln und Brennstoffen versorgt werden. Niemand sonst kam hinein in die hermetisch abgeriegelte Stadt. So machte die junge Frau im Sommer 48 von Greifswald aus einen Abstecher nach Hiddensee und lernte dort ihren späteren Mann kennen, einen Insulaner. Auf dem Bug bei Dranske hatte er seine Pilotenlizenz gemacht und im Krieg ein Aufklärungsflugzeug gesteuert, das feindliche Funksprüche abfangen sollte. Er kam unversehrt aus dem Krieg zurück. Der bittere Krug der Gefangenschaft war an ihm vorbei gegangen.

Es wurde für beide ein wunderbarer Sommer, Herbst und Winter 1948. Bald schon heiratete der Hiddenseer die Frau aus der großen Stadt. Christian wurde geboren. Als er zwölf Wochen alt war, kehrten jedoch seine Eltern ihm und der Insel den Rücken. Sie gingen nach Berlin in der ungewissen Hoffnung, dort Arbeit zu finden. Sie wussten nur eines: Hiddensee ist ein sicherer Ort für ihr Kind. Christian blieb bei seinen Großeltern. Im Westen Berlins suchten seine Eltern ihr Glück, fanden es und holten ihr Inselkind zu sich. Da war Christian schon zehn Jahre alt und in der dritten Klasse. Für diese Familienzusammenführung hat er heute nur ein Wort: Deportation. Denn von Berlin ging es gleich weiter in die Schweiz, wo der Vater Hoteldirektor wurde.

Christian Krüger legt die John-Lennon-Brille auf den Tisch im „Wieseneck“ und rührt nachdenklich im Kaffee.
Das runde Nickelgestell ist ein Geschenk von einem Bekannten, der es auf den Müll werfen wollte, eine kleine Erinnerung an die Beatles und ihre Zeit, an die 60er und 70er Jahre. „Give peace a chance.“ Seine Lebensstationen gehen ihm durch den Kopf: die Bundesrepublik, Freudenstadt, Berlin, Stuttgart, Frankfurt am Main, die Ausbildung zum Hotelkaufmann, das nachgeholte Abitur in München, ein Intermezzo als Zahlmeisterassistent auf einem Kreuzfahrtschiff, die wilden 68er, von denen er nichts in diesem Heft lesen möchte, seine Wehrdienstverweigerung, um die er, obwohl in der BRD gesetzlich verankert, erbittert kämpfen musste („Ich habe besonders großen Respekt vor den Bausoldaten in der DDR.“), der Zivildienst als Rettungssanitäter, das Rote Kreuz auf seinem grünen Parka. Und da sind auch seine vielen Reisen, an den ihn noch heute der Ring an seiner linken Hand erinnert. „Den habe ich in Indien gekauft. Ein Ring aus Nepal. Auf dem Rückflug saß ich in jener Maschine, die Jahre später in Lockerbie nach einem Bombenattentat abgestürzt ist und weltweit in den Schlagzeilen war.“ Ein eiskalter Schauer sei ihm über den Rücken gelaufen, als kurz vor Weihnachten 1988 die Bilder der zertrümmerten Boeing 747-121 der US-amerikanischen Fluglinie Pan American World Airways (Pan-Am-Flug 103) im Fernsehen übertragen wurden. Die Trümmer der „Clipper Maid of the Seas“. An Schutzengel aber glaubt er nicht. Vielleicht an Schicksal? „Man muss das Leben so akzeptieren, wie es ist“, sagt er und setzt seine Brille wieder auf.

„Mein Hiddensee.“ Mit der Insel sei er immer fest verwurzelt gewesen. Auf dem Kreidefelsen der dänischen Insel Møn habe er in den Anfangsjahren zehn Tage lang in einem Urlaub gesessen, um die Silhouette seines „Söten Lännekens“ zu erhaschen. „Das hat aber leider nicht geklappt.“ Regelmäßig war er hier später zu Besuch, auch als seine Großeltern nicht mehr lebten. An sie erinnert er sich besonders gern. Sie betrieben eine Pension in Norderende, Vitte. „Die Nachbarn hatten zwei Kühe, die Großeltern immer ein Schwein im Stall. Wir bekamen Milch, auch Fleisch. Und Gemüse und Obst aus dem Garten, Eier von den Hühnern. Und fünf Tage in der Woche hatten wir Fisch auf dem Tisch.“ Auch Roggen wurde noch in seiner Kindheit auf der Insel angebaut und in der alten Mühle von Vitte gemahlen. Die hatte zwar keine Flügel mehr, aber das Mahlwerk funktionierte über Treibriemen und einen betagten Stationärmotor. „Für uns Kinder war die Insel ein großer Abenteuerspielplatz“, denkt der inzwischen grauhaarige Mann zurück. „Ich wurde von den Großeltern regelrecht verzogen“, sagt er. „Als ich mir einen einfachen Roller wünschte, bekam ich einen mit Luftbereifung und zum Spielen anstelle eines kleinen Pferdestalls einen ganzen Bauernhof mit vielen Tieren aus Holz.“

Der Kellner bringt noch eine kleinere Tasse Kaffee. Leise Musik kommt aus dem Lautsprecher. Christian Krüger wendet den Kopf. Musik ist seine Leidenschaft. Sie hat ihn ein Leben lang begleitet. Anders als die Frauen, von denen er sich früher oder später wieder trennte. „Eine Ehe? Die kann man mir nicht zumuten. Aber gute Freundschaften sind immer geblieben. Ich bin kein oberflächlicher Mensch, aber ich hänge mein Herz nicht zu sehr an jemanden. Ich klammere mich an nichts.“ Darum gefalle ihm auch dieser Spruch besonders: „Genieße das Leben beständig, denn du bist länger tot als lebendig.“

Der „Albatros“ von Karat schwebt durch den Raum. Ein Text, der von Freiheit und Sehnsucht, von Würde und Mut erzählt. Das Lied erinnert ihn an die im Jahre 1967 von Peter Green gegründete Blues-Band „Fleetwood Mac“ und deren „Albatros“. Das Instrumental bewegt ihn noch heute. Vielleicht auch wegen seiner Zeit in Frankfurt am Main, um die er das Geheimnis auf immer bewahrt wissen möchte. Er lenkt ab mit der Bemerkung, dass von Fleetwood Mac übrigens der Song „Black Magic Woman“ stamme, der erst durch Santanas Adaption zum Welthit wurde.

Sieben Jahre lang hat Christian Krüger in einer Rockband Bass- und Akustik-Gitarre gespielt. Das vermisst er ein wenig, diese Proben, die Auftritte, das Schlagzeug, die prägnanten Gitarrenriffs. Um seine Nachbarn nicht zu stören, greift er zu Hause oft nach den Kopfhörern, wenn er Musik aus seiner riesigen Plattensammlung auflegt. „Er findet den Weg – auch im Orkan“, singt Karat.

Christian Krüger hat seinen Weg gefunden.
Und wie der Albatros die Welt von oben gesehen. Er hat auch seinen Platz gefunden. Auf Hiddensee, wo seine Wurzeln sind. Wo er als Jugendlicher nicht hätte leben wollen. Wo er heute die Lebensqualität findet, die er sonst nirgendwo hätte. Wo ihm dennoch manchmal die „sibirischen Verhältnisse“ auf den Nerv gehen. Wo er nicht wie in einer Großstadt Geld ausgeben muss für Dinge, die er nicht benötigt. Wo er dennoch alle Annehmlichkeiten hat, die er braucht: Die Ruhe, die Weite, auch einen gut sortierten Supermarkt, der Großstadtniveau hat. Und Menschen, die ihn auf seine „Lieselotte“ ansprechen oder mit denen er in der leeren Kneipe von Vitte auf das neue Jahr anstößt, während die Inselgäste zuhauf zum Dornbusch pilgern, um dort ihre Raketen steigen zu lassen. „Ich treffe sie, wenn ich am Silvesterabend kurz nach 23 Uhr in Kloster losgehe. Und ich treffe sie, wenn ich von Vitte und sie vom Dornbusch zurückkommen.“ Was man dort unter dem Leuchtturm am Neujahrstag findet? „Das glaubt mir kein Mensch“, sagt er lachend – und wieder scheint der Schalk in seinem Nacken zu sitzen. Wie vor ein paar Wochen, als er von einem Fahrgast gefragt wurde, was denn mit Linda passieren wird, wenn sie in Rente geht. „Dann esse ich sie auf“, habe er aus Spaß – aber zum Entsetzen der Mutter und des Kindes – gesagt. Worauf der Vater schlagfertig antwortete: „Dann hast du ja eine zehn Meter lange Dauerwurst.“

Christian Krüger lacht und wirft einen kurzen Blick zur Uhr. „Ohne Pferd brauchen wir knapp neun Minuten bis zum Hafen.“ Der Kellner kommt. Die einzigen Gäste gehen. Durch den engen Kirchweg schiebt sich schwankend ein Müllfahrzeug. Im Hafen hat sich leichter Raureif auf die einachsigen Handwagen gelegt, die mit den Rädern nach oben liegend nur darauf zu warten scheinen, wieder einmal bewegt zu werden. Raureif liegt auch auf der Bank des Holzbildhauers Jo. Harbort. Christian Krüger wischt mit der Hand über die Sitzfläche und nimmt für einen Moment Platz. Die Fähre legt ab. Jetzt ist wieder Ruhe eingekehrt. Bei ihm. Im Hafen. Und auf der Insel.

 

P.S.: (In diesem Fall steht PS tatsächlich für Post Scriptum und Pferdestärke):  Nichts da mit Dauerwurst. Auch Linda geht es gut. Das Mecklenburger Warmblut ist ein Glückspferd. Warum? Der eine Großvater hat das Reitpferd seiner Enkelin geschenkt. Ihr anderer Opa nahm das pensionierte Zugpferd Linda nach dem Gastspiel auf Hiddensee bei sich auf. Auch deshalb geht es Kutscher Krüger gut. Er weiß das Tier in guten Händen.

Autor: Holger Vonberg

Porträtfotos: Holger Vonberg

Fotos Pferd+Kutscher mit Pferd: Benjamin Weinkauf

 



1 Kommentar