Hobbit-Höhlen und Goldfunde auf Mittelrügen


er-lebt die Insel durch Kinderaugen

Ein Stück weit hinter dem Düsterwald von Ralswiek erstrecken sich die Buchenwälder von Lietzow – unser Abenteuerspielplatz in der kalten Jahreszeit.

Im Rucksack: die Mützen, die keiner aufziehen wollte, eine Thermokanne Früchtetee und Becher dafür, eine Packung Kekse
Die Gefährten: Nummer eins bis drei im Alter von 5 – 11

Wir starten in Lietzow und folgen dem steinigen Sandstrand der Küste entlang Richtung Norden. „Schaut nach angespülten Schätzen,“ rufe ich den Kindern hinterher. Die Witterung verändert das Gesicht der Küste hier ständig, Wind und Wasser haben an der lehmigen Steilküste genagt und ein dicker Grasteppich hängt fransig über den abgebröckelten Abhang über unseren Köpfen. Wir suchen nach  Feuersteinen  und abgeschliffenen Glasscherben bis das Ufer unwegsam wird. Ein längst abgestürzter und vom Wetter weiß geschliffener Baumstamm versperrt uns den Weg. „Knochen von einem Riesen“, murmelt Nummer eins und bahnt für uns den Weg am steilen Hang hinauf in den Wald.
Hier gibt es große Kuhlen voller Buchenlaub, das in der Nachmittagssonne golden leuchtet. Es raschelt, wenn man kniehoch hindurch watet oder sich ganz hineinfallen lässt. Ich genieße den gegerbten Geruch.  „Oh, alles Goldblätter – das ist Smaugs Schatz!“  jubelt Nummer zwei und wirft das Buchenlaub in die Höhe. Wir lassen uns von der Euphorie anstecken und beginnen eine wilde Blätterschlacht. Es lohnt sich hier das Gelände nach weiteren Entdeckungen zu erkunden, der sogenannte Waldpark Semper hat da ein paar Besonderheiten zu bieten: Nachdem wir ein Stück durch die geraden Baumsäulen gewandert sind, betreten wir plötzlich einen geheimnisvollen Hexenwald.

Seltene Krüppelbuchen mit ihren bizarr ineinander verwachsenen Schlangenästen lassen an der Präsenz von Trollen und Zauberwesen ab diesem Punkt keinen Zweifel mehr.

Schwarz heben sich die verschlungenen Astgebilde gegen den ahnungsvoll rötlich gefärbten Nachmittagshimmel ab, und als wir mucksmäuschenstill zwischen den unheimlichen, verkorksten Baumgestalten entlang schleichen,  raschelt etwas hinter einem der Stämme. „Die Bäume,…“ flüstert Nummer drei atemlos, „sie fangen gleich an sich zu bewegen!“ Zwei Sekunden später laufen wir kreischend durch das fliegende Laub in die andere Richtung.

Als wir den sicheren, geradwüchsigen Wald wieder erreicht haben, glitzert das Wasser der Kaskadenteiche durch die Stämme.  Wir entdecken beim Näherkommen eine kleine Insel darin, die über eine Holzbrücke zu erreichen ist. Hier wachsen alte Eichen, an deren Stämmen wir mit klopfenden Herzen Platz nehmen um Tee zu trinken. Als wir unseren „Zaubersee“ verlassen, um das Kleine Schloss im Wald zu umrunden sind die Baumtrolle längst vergessen, andere Eindrücke beflügeln unsere Phantasie. Verwundert erreichen wir nun eine kleine Allee aus Rhododendronbüschen. In der Blütezeit sieht es hier bestimmt wunderbar aus, denke ich bevor die Kinder atemlos angerannt kommen. „Ich habe ihn gefunden.“ Nummer zwei flüstert jetzt geheimnisvoll. „Wen?“ Ich schaue mich um und sehe niemanden außer uns Gefährten. „Na, Smaug natürlich,…“ der bedeutungsvolle Blick deutet hinüber auf einen alten Wasserturm aus Feldsteinen, an dem sich ein großer Efeu wie ein Drachenkörper hinauf schlängelt, „er schläft gerade.“

Auf dem Rückweg wählen wir wieder den Weg an der Boddenküste.

Eine ganz beachtliche Hobbit-Höhle in der lehmigen Erde hatte schon auf dem Hinweg unsere Aufmerksamkeit erregt, dort wollen wir noch einmal nachschauen.

Hat das Wasser hier einen alten Fuchsbau ausgewaschen, oder wohnen hier tatsächlich Fabelwesen in ungefährer Größe und Statur eines Stoffschlumpfes? Eine Weile beobachten wir Tee trinkender Weise den Höhleneingang, Tolkien wäre begeistert gewesen. Ich schaue über den Bodden. Das Abendlicht schimmert golden auf dem Wasser, Flugzeuge haben Runen auf den glühenden Abendhimmel gezeichnet und ein kalter Windhauch in meinem Nacken kommt mir vor wie Smaugs Atem.

Mein Rucksack ist heute bis obenhin gefüllt mit Abenteuern!

 

 


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