Der Alchimist von Posewald


Maik Brandenburg ist als Reporter weltweit unterwegs für Magazine wie Mare, Geo, Merian und Free Man's World. Auch, wenn das Reisen seine Leidenschaft ist: "Am Ende zählt, dass ich stets wieder auf Rügen lande", sagt er. Brandenburg lebt mit seiner... mehr

Kurz hinter Putbus, knapp vor Vilmnitz, vorher links ab nach Binz, danach nach Posewald – Vorsicht! – die unbeschrankten Gleise der Dampfbahn „Rasender Roland“ überqueren, schließlich rechts auf das Gutshaus zu, schon ist man da: Ein Acht-Meter-Kutter steht am Eingang des Grundstückes, wie ein Zunftzeichen. Es sagt: Hier arbeitetet ein Bootsbauer. Sein Name ist Philipp Schwitalla. Vor der großen Werfthalle rekelt sich Tweedy, der Dackel, zwischen Bauholz-Abfall und beschattet von kleinen Linden. Schwalben flattern heraus, eine weitere „Schwalbe“, das berühmte DDR-Moped, steht vor der Halle. Daneben noch ein Boot. Es ist ein aufgebockter „Königskreuzer“, ein Segelboot, das auf seine Restaurierung durch den Meister wartet. Am Giebel ein von Sommergestrüpp umrankter Angelkahn, auch schon ziemlich ramponiert. Philipp Schwitalla nennt solche Boote „Gefallene“.

In der germanischen Sagenwelt der Wikinger erwarten sie ihre Auferstehung im Totenreich „Walhalla“. Und so nennt Schwitalla seine Werft: „Walhalla“. Ansonsten hat er es nicht so mit den alten Nordmännern. Außer es geht um einen so genannten Haikutter, ein skandinavisches Segelboot, von dem Schwitalla träumt. Mit solch einem Anderthalbmaster will er eines Tages auf große Fahrt gehen. „Irgendwann als Rentner“, sagt er lächelnd. In der Zwischenzeit möchte er auf Rügen sesshaft werden. Auf der Walz verschlug es ihn vor einigen Jahren vom Breisgau ins Örtchen Posewald und in die dortige Gesellenbude. Tischler wollte er eigentlich werden. Als Praktikant eines Bootsbauers in Niendorf lernte er das Segeln. „Die Elemente Wasser, Land und Wind, das war‘s“, sagt Philipp Schwitalla. „Von da ab wollte ich Boote bauen.“ Neben der Gesellenbude am Gutshaus entdeckte er die verlotterten Hallen der einstigen LPG und besetzte sie. Er trug seine alte Matratze hinein, legte sie auf Spanbretter und heizte den Ofen an. „Ich erkannte sofort das Potenzial der Hallen. In die große sollte die Werft, in die kleinere Halle ein Winterlager für Boote.“

Die kleine Halle hat ein zweites Stockwerk, dort will er einmal wohnen. Oder Tanzkurse anbieten. „Ich liebe Tango. Tango rettet mich über den Winter“, sagt Schwitalla. Ein alter Plattenspieler dudelt Orgelstücke. Ein Regal voller Platten steht gegenüber der Hobelbank. Afrikanische Musik, Hannes Wader, Hardrock – der Geschmack des Bootsbauers ist so variantenreich wie die Bootsklassen. Derzeit restauriert er einen Jo​llenkreuzer, dazu passt wohl am besten Bach. ​Zur gemütlichen Ecke der Werft gehören noch ein verschlissenes Sofa und der bullige Holzofen „Bruno“. Der hat winters ordentlich zu tun, um die ungedämmte Halle warm zu kriegen. Das Boot steht mitten in der Halle unter einem Kran. Den ganzen kommenden Winter wird Philipp Schwitalla daran werkeln müssen. Risse durchziehen das Deck, der Boden ist ohne Planken, das Mahagoniholz des Rumpfes hat die Gelbsucht – es ist ausgeblichen von der Sonne. Irgendwann soll es wieder rotgolden glänzen. Und das Kajütdach soll wieder eine echte Leinwandbespannung bekommen. Der Eigner des Bootes, Besitzer eines Autohauses, hatte einfach eine Art Cabrioverdeck drauf genagelt. Die muss nun erst einmal mühselig runter.

Überhaupt zeigen sich viele „Krankheiten“ des Schiffes erst jetzt, während der Restaurierung. Die wird also ganz gewiss teurer, als vorher ausgemacht. Für Schwitalla kein Grund, nachzuverhandeln. Was gilt, das gilt. An der Wand hängen die Werkzeugschränke und eine Urkunde. Seit 2008 darf er sich Meister nennen. „Tu ich aber nicht“, sagt Schwitalla, „Wenn ich am Ende meiner Tage ein Meister bin, kann ich froh sein.“ Meister sein ist für ihn keine Frage einer staatlichen Anerkennung. Es ist ein Lebensweg. Sein Lebensweg. Er hat sich dafür entschieden, und er lebt ihn mit aller Konsequenz. Eben auch damit, dass das Wort eines Handwerkers Ehrensache ist.

Schwitalla scheint aus der Zeit gefallen, im besten Sinne. Gern redet er vom „guten Handwerk“. Es gehört in die Zeit der Zünfte, als noch der Radmacher neben dem Schmied werkelte oder der Spinner neben dem Färber. Als die Zunftmeister noch etwas zu sagen hatten, auch ​in der Politik. Nicht, dass er ins Mittelalter zurück möchte. „Leibeigenschaft und die Pest wären auch nichts für mich“, sagt er lächelnd. Aber die Ruhe, in der die Schaffenskraft liegt, die nicht in jeden Winkel durchautomatisierte Arbeitswelt, die Zeit für die Auseinandersetzung mit dem Material – von solcher Vergangenheit träumt der 35-jährige. Er sieht sich selbst als einen Alchimisten. Er meint, dass jeder Werkstoff mehr ist als sein fassbarer, sein sichtbarer Stoff. Das Kupfer etwa, das neben dem Boot liegt und später in die Spanten eingearbeitet wird, steht bei Schwitalla für das Verbindende einer Gemeinschaft.

Und ist so ein Boot nicht eine Gemeinschaft von Spanten und Masten, von Ruderblatt und Bugspriet und der Fertigkeit seines Skippers? Oder das Blei. Im Kiel eingelegt stabilisiert es den Rumpf, es gibt ihm und den Dingen an sich eine erhaltende Struktur. Der scharfe Stahl dagegen schneidet alles Unnötige weg. Unnötig ist für Schwitalla, was nicht mit Booten oder Segeln zu tun hat. Die „Schwalbe“ erzählt von seinen Ansprüchen, der klapprige Pritschenwagen, das fehlende Leitungswasser in der Werft, das überflüssige Bauholz, das er statt teurer Kohlen an „Bruno“ verfüttert. Mehr Ruhe beim Arbeiten, ein paar weniger Rechnungen im Briefkasten, das wäre Luxus für Schwitalla.

Und der Haikutter, sein Traumschiff. Er wird bald einen 1:1-Riss zeichnen, einen so genannten Schnürboden. Anhand dieser Schablone wird er die Teile für den Haikutter bauen. Jahr für Jahr eine neue Spante, eine weitere Schmiege, eine nächste Planke. Die Teile wird er in die Ecke stellen und mit Wurzelteer konservieren. Eines Tages wird er das Puzzle zum 18-Meter-Schiff zusammensetzen, vielleicht in 30 Jahren. „Und dann die Segel setzen und ab nach Ithaka, wie Odysseus“, sagt Philipp Schwitalla. Chartertörns möchte er anbieten und sich und das Schiff damit über Wasser halten.Vorerst, wie gesagt, will er auf Rügen bleiben. Wurzeln schlagen, im wahrsten Sinne. Im Park des Gutshauses gegenüber der Werft steht der Torso eines Nussbaumes. Ihn hatte ein Blitz gefällt. Am 4. August 2008, Schwitallas Geburtstag, pflanzte er neben dem alten Baum einen Nussbaum-Schößling. Philipp Schwitalla sieht das als gutes Zeichen.

Gefunden im Magazin „Rügen. Wir sind Insel“, Autor Maik Brandenburg

 


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