Drachenstark im Wind


Maik Brandenburg ist als Reporter weltweit unterwegs für Magazine wie Mare, Geo, Merian und Free Man's World. Auch, wenn das Reisen seine Leidenschaft ist: "Am Ende zählt, dass ich stets wieder auf Rügen lande", sagt er. Brandenburg lebt mit seiner... mehr

Drachen sind starke Wesen. Jedenfalls im Märchen. Sie können furchteinflößend sein, gefährlich. Besser, man geht ihnen aus dem Weg. Ich aber bin heute zu einem unterwegs. Meiner ist ein Wasserdrache. Ein Kite. So heißen die segelartigen Fallschirme, die mit Leinen am Körper befestigt werden. Auf einem Brett stehend, wird man damit durchs Wasser gezogen. Oder weit darüber. Einigen Kitern gelingen sogar Luft-Sprünge bis über zehn Meter Höhe. Ganz so hoch will ich heute nicht hinaus. Mir reicht es schon, wenn ich heil ein paar Meter auf dem Wasser schaffe. Der Wind ist stark böig, „Hackwind“ nennt man das in der Szene. Auf dem Weg zum Strand sehe ich einen Kiter, der abhebt und gigantisch durch die Luft segelt. Mir wird mulmig. Leo, der Kite-Lehrer von Windsurfing-Rügen erwartet mich. Er zeigt mir die Ausrüstung: Neoprenanzug, das Trapez, also den Gürtel mit Haken dran, in den die Leinen geklinkt sind.

Auch Helm und Prallschutz legt er mir an. Prallschutz! Die Aussicht, aufs Wasser zu knallen, entspannt mich nicht gerade. Leo beruhigt mich. Wir üben im Wasser stehend die Lenkbewegungen. Der Kite schwebt schon senkrecht über mir, „auf 12 Uhr“. Je nachdem, wie ich an den Leinen ziehe, ist er auf „1 Uhr“, auf „2 Uhr“, auf „11 Uhr“, „10 Uhr“ und so weiter. Ich spüre den Zug des Drachens, er will mich wegreißen. Beinahe schafft er es: Plötzlich bin ich einen halben Meter in der Luft. Zum Glück hält mich Leo am Trapez sicher fest.Dann üben wir den „Body drag“. Ich greife Leos Gürtel, bäuchlings zieht uns der sieben Quadratmeter große Drache durch die Fluten. Huuhh. Dann machen wir es umgekehrt, jetzt bin ich vorne. Ich schlucke nicht mal Wasser und bin stolz. Leo zeigt mir jetzt, wie ich aufs Brett komme. Man macht sich ganz klein und rollt den Körper rauf. Dreimal versuche ich es, vergebens. Doch auf einmal bin ich drauf – und rase schon los. Wie bitte, ich fahre? Tatsächlich, die Landschaft rauscht vorbei. Leo jubelt, ich finde es cool, wie alles funktioniert. Bin aber auch etwas verwirrt. Mache ich alles richtig? Wie lenkt man noch mal? Bevor es mir einfällt, sehe ich schwarz. Denn so schnell wie ich stand, bin auch schon wieder abgetaucht. Eine Böe hat mich umgehauen. Es tut nicht weh, war eher ein unbeholfenes Hinfallen. Also noch mal rauf, wäre doch gelacht. Immer wieder. Am Ende dieser ersten Stunde habe ich 50 Meter auf dem Brett gemeistert. Andere brauchen dafür viel länger, lobt Leo. Und mich hat das Kite-Fieber gepackt: Kiten ist Adrenalin pur, das will ich wieder!

Gefunden im Magazin „Rügen. Wir sind Insel“, Autor Maik Brandenburg


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