Aufgetischt! Eric Krause || Restaurant Glückswinkel


Berthe Jentzsch ist zwar gebürtige Berlinerin, braucht aber ab und zu Meer. Daher reist sie gerne. Entweder auf die Insel Rügen oder auf die Halbinsel Italien, wo sie einige Zeit lebte. Sie studierte Literaturwissenschaft in Wien und am Peter-Szondi-Institut in... mehr

Das Frischbrötchen

Fischbrötchenstände gibt es auf Rügen ungefähr so viel, wie Urlauber im Sommer in den großen Seebädern: sehr viele. Und jeder Dritte rühmt sich, der vielleicht beste der Insel zu sein. Man weiß es nicht. Um es auszuprobieren, müsste man sich einmal von Kap Arkona nach Thiessow essen und von Sassnitz nach Gustow. Unter Einheimischen gibt es trotzdem einen Tipp: das Blockhaus Glückswinkel in Sellin. Eric Krause, schwarzer Vollbart und breites Kreuz, hinter dem spartanisch eingerichteten Tresen, ist ein Mann fürs Wesentliche. Wie seine Einrichtung, so sind die angebotenen Gerichte: simpel, einfach und ohne „Schnickschnack“, wie es der Selliner bodenständig erklärt. „Ein Fischbrötchen soll nach Fisch schmecken, nicht nach Remoulade oder ausgefallenen Gewürzmischungen, die dessen Eigengeschmack überdecken.“ Was bestellt wird, bereitet Kollege Kay vor den Augen der Gäste zu, brät und richtet an. Es riecht nach Bratfett, Feuer, deftig. Eric erzählt: Am 1. Mai 1994 eröffnete Vater Klaus Thetmann das Restaurant. Seit 24 Jahren ist es nun im Betrieb. Bis heute wird es von Familienhand geführt.
Welche Zutat in einem guten Fischbrötchen nicht fehlen darf, kann der 31-Jährige schnell beantworten: „Respekt vor den Fischern.“ Deren Arbeit ist so entbehrungsreich, dass auf ganz Rügen nur noch ein einziger Berufsfischer lebt. Von ihm, Thomas Koldevitz aus Gager, kommt der Großteil des Fisches im Blockhaus – nur der Seelachs kommt aus Rostock. Mit dem Fischer verbindet die Familie Krause-Thetmann eine langjährige und respektvolle Geschäftsbeziehung. Dennoch ist es in dieser männerdominierten rauen Welt, in der Legenden nach als Initiationsritus einem lebendigen Hering der Kopf abgebissen werden muss und Arbeitstage 14 bis 16 Stunden dauern, immer schwerer vom Fischen zu leben. Allem zum Trotz schippern Vater Koldevitz, Sohn Florian und Mitarbeiter Sandro täglich in den Morgenstunden zu den Fanggründen, um die Stellnetze aufzustellen. Abends, bis zu 500 Kilo schwer, werden sie wieder eingeholt. Mitunter per Hand. Ab und zu hilft Eric mit.
Im Frühsommer kommen Hornhecht, Barsch und Steinbutt, später im Jahr Flunder und Dorsch in die Netze. Aber vor allem: Hering. Im Herbst fett und mit festem Fleisch, im Frühjahr ab Mitte Februar bis Ostern mager geschwommen und perfekt zum Marinieren. Der frische Hering wird im Laden selbst ausgenommen und eingelegt. Je nachdem, wann der Fang eintrifft, oft in Nachtschicht bis zum Morgen. Als Bismarkhering, Matjes, Brathering, Pfefferling oder „grün“ nimmt er seine letzte Reise zwischen zwei Brötchenhälften in die Untiefen hungriger Mägen. Dort angekommen, möchte man raunen: „Das vielleicht beste Fischbrötchen der Insel.“


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