Aufgetischt! Dr. Sylva Rahm-Präger || Rügener Inselfrische


Berthe Jentzsch ist zwar gebürtige Berlinerin, braucht aber ab und zu Meer. Daher reist sie gerne. Entweder auf die Insel Rügen oder auf die Halbinsel Italien, wo sie einige Zeit lebte. Sie studierte Literaturwissenschaft in Wien und am Peter-Szondi-Institut in... mehr

Die Rahmprägerinnen

Kirschrote Tropfen fallen in das cremige Joghurtweiß. Spiralförmig mischen sie sich, bis beide Farben zu einem hellen Rosa verschmelzen. Die Mischanlage der Molkerei Rügener Inselfrische stoppt. Das Quark-Joghurt-Dessert ist gerührt. Wöchentlich werden hier 7.000 Liter Milch und etwa 400 Liter Fruchtsäfte verarbeitet. Joghurt, Quark und Buttermilch bleiben naturbelassen und werden natürlich hergestellt – ohne Zusatzstoffe oder Wärmebehandlung. Gelegentlich ist es auch Aprikosengelb, Sanddornorange und Erdbeerrot, welches mit dem Milchweiß eine Symbiose eingeht. Die Luft in der Anlage in Poseritz ist warm und süß. Strahlend weiß ist nicht nur der Naturjoghurt, sondern auch der Großteil der Einrichtung. Edelstahlsilber glänzen die Produktionsmaschinen dazwischen. Selbst die Mitarbeiterinnen tragen den Trend von Kopf (weiße Haube) bis Fuß (weiße Sicherheitsschuhe).

Dr. Sylva Rahm-Präger, Gründerin der Rügener Inselfrische Molkerei ist eine mutige Frau. Trotz der zierlichen Statur fallen ihre starken Händen auf. Hände, die es gewohnt zu sein scheinen, die Dinge selbst anzupacken. Wir sitzen im Wintergarten des Cafés der Inselfrische. Die schwarze Hauskatze Mohrchen, glücklich in einem so milchreichen Ort Stammgast sein zu dürfen, umschleicht unsere Beine. Angefangen hat die Geschichte der Molkerei mit einem Studium der Agrarwissenschaft in Ost-Berlin. Noch während des Studiums bekam die damals Mitte Zwanzigjährige ihre Tochter Caroline, blieb an der Uni und promovierte – wie kann es anders sein – über die Kuh. Statt daraufhin eine akademische Laufbahn einzuschlagen, wurde der gebürtigen Binzerin und alleinerziehenden Mutter nach dem Mauerfall klar: Es muss etwas Handfestes sein. Etwas das sich sowohl rechnet als auch Verantwortung übernimmt: Jobs schafft auf ihrer Heimatinsel Rügen. In den ländlichen Regionen waren kurz nach der Wende vor allem Frauen von Arbeitslosigkeit betroffen.

Was liegt da näher, als eine eigene Molkerei aufzubauen? Im Selbststudium eignete sich die angehende Unternehmerin das nötige Wissen über Selbstständigkeit und Unternehmensgründung an, der Rest sei „Learning by Doing“ gewesen. Eine Milchviehherde mit täglichem Weidegang in Poseritz im Südosten der Insel war bald gefunden. Aber wo nun einen handwerklichen Molkereibetrieb aufbauen? 1996 fand sich eine stillgelegte Schweinezuchtanlage. Um sie herum nur wilde Holunderbüsche. Hier sollte es entstehen, das neue Unternehmen. Die finanziellen Mittel waren überschaubar, aber der Wille größer als jegliche Hindernisse. Ein Jahr später begann der Teilabriss und Aufbau der Molkerei. 144 Kubikmeter Beton wurden aus der Anlage abgetragen und entsorgt. Nach 14 Monaten stand die Molkerei. Im Mai 1998 fuhr die erste Milch durch die Anlage. 2008 wurde um Hofladen und Café erweitert. 2013 folgte der Wintergarten, 2014 ersetzen Bäume und Sträucher die letzten Betonklötze im Garten. Heute liefert die Inselfrische an zahlreiche Hotels, Supermärkte sowie auch an das Binzer Sternerestaurant „freustil“.

In ihrer Firma stellt die gelernte Agraringenieurin 1998 vor allem arbeitslose Frauen ein und gibt somit dem Dorf Poseritz mit seinen knapp 1000 Einwohnern eine neue Perspektive. Der Betrieb ist auch heute beinahe reine Frauensache. Unter den 15 Mitarbeitern sind nur zwei Männer: einer im Fahrdienst und einer in der Produktion. Die anderen 13, fünf von ihnen im Verkauf und sechs ebenfalls in der Produktion, sind ausschließlich weiblich. So wundert es nicht, dass auch das Logo weiblich ist: Es zeigt eine junge Frau, deren lockiges Haar wie Wellen vom Meerwind getragen wird. In einer früheren Version sah man noch die Rügener Kreidefelsen im Hintergrund. Aus dem damaligen Mädchen ist nun eine Frau geworden. Die Felsen gewichen, der Wind geblieben.


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