Zwei Schweizer und Ulrich Müther, der Landbaumeister von Rügen


Zwei Schweizer und Ulrich Müther, der Landbaumeister von Rügen
Holger Vonberg ist gebürtiger und bekennender Rüganer. Sein Berufswunsch als Zweijähriger: „Urlauber Baabe“. Das hat nicht ganz geklappt. Ab 1991 war er als Journalist u. a. für den NDR, die OZ und den „Urlaubs-Lotsen“ auf der Insel unterwegs. Bis März... mehr

Vor wenigen Wochen haben wir in unserem Onlinemagazin das Buch „Ulrich Müther – Schalenbauten in Mecklenburg-Vorpommern“ vorgestellt. Es ist bereits in vierter Auflage im Niggli-Verlag (Zürich) erschienen. Die Autoren und Architekten Rahel Lämmler und Michael Wagner aus der Schweiz haben den Inselexperten dazu ein paar Fragen beantwortet:

Wann und wie sind Sie auf Ulrich Müther, den Landbaumeister von Rügen, aufmerksam geworden?

Während den Vorbereitungen einer Ferienreise nach Rügen hatten wir 2007 eine Postkarte vom Strandwachturm bekommen. Das ansprechende Objekt weckte unsere Neugierde und wie so viele junge Architekten und Architektinnen haben wir dann gleich versucht, herauszufinden, ob es noch weitere interessante Bauten vor Ort gibt. Bei der Recherche konnten wir, abgesehen von Wilfried Dechaus Publikation „Kühne Solitäre“ aus dem Jahr 2000, allerdings kaum Literatur zu Müthers Schaffen finden. Ein repräsentativer Überblick über das Gesamtwerk von Müthers Schalenbauten mit Plänen, aktuellen Fotografien oder weiterführendem Material zur Baugeschichte fehlte.

Der Strandwachturm war dann auch unsere erste Müther-Entdeckung vor Ort: Unsere Mietwohnung lag nur wenige Meter entfernt und wir konnten das weiße Ufo jeden Tag bei allen Wettern bewundern. Die verblüffende Verquickung von Form und Funktion regte uns an, den klugen Kopf hinten den kühnen Konstruktionen kennenlernen zu wollen. Es stellte sich heraus, dass Ulrich Müther nur ein paar Schritte weiter wohnte. Doch zu diesem Zeitpunkt war er bereits schwer erkrankt. Seine Frau gewährte uns aber großzügig Einblick in ein Werk, das zweifellos einige Perlen des baulichen Erbes der ehemaligen DDR erfasst und eröffnete uns damit den Zugang zu einem außergewöhnlichen Abschnitt deutscher Baugeschichte.

Wir sind dann losgezogen und haben alle Bauten von Ulrich Müther auf Rügen und in der Umgebung besucht. Dabei haben wir schnell gemerkt, dass einige in Vergessenheit geraten waren. Sie wurden nicht mehr genutzt und verfielen. Offenbar wurden sie nicht sonderlich wertgeschätzt oder es fehlte an Ideen für eine Neunutzung. Schon im Jahr 2000 wurde trotz Denkmalschutz und großer Proteste aus der Fachwelt das Ahornblatt, eine ehemalige Großgaststätte, in Berlin abgerissen…

Unsere Begeisterung für Müthers Bauten wuchs stetig. Und wir wollten einen Beitrag dazu leisten, dass den Schalen auf Rügen und in Mecklenburg-Vorpommern nicht das gleiche Schicksal widerfährt. Und wir wollten auf Müthers eindrückliche Konstruktionen aufmerksam machen. Deshalb haben wir uns dann entschlossen, schnell zu reagieren und auf eigene Faust in unserer Freizeit das Buch zu erarbeiten.

Was fasziniert Sie an den Hyparschalen von Ulrich Müther?

Müthers Betonschalen sind nur wenige Zentimeter dünn und überspannen dennoch große, stützenfreie Räume. Diese eleganten filigranen Konstruktionen bildeten einen willkommenen Kontrast zur Monotonie der Plattenbausiedlungen. Durch intensive, interdisziplinäre Zusammenarbeit schufen Müther und sein Team mit diesen leichten Schalen gebaute Ikonen im Kontext der gesellschaftlichen Aufbruchstimmung in den 1960er Jahren. Durch ihren engagierten Einsatz konnte bei minimalem Materialaufwand ein maximales Resultat erreicht werden. Das ist ideal nachhaltig! Eine doppelt gekrümmte Schale, eine sogenannte Hyparschale, kann beliebig mit weiteren Schalen kombiniert werden und dadurch unterschiedlichste räumliche Konstellationen schaffen.

Wie ist die Resonanz auf Ihr Buch über die Mütherbauten in Mecklenburg-Vorpommern – und wie groß ist das Interesse in der Schweiz an diesen „kühnen Solitären“?

 Vom Erfolg unseres kleinen Buches waren wir anfangs sehr überrascht. Offenbar hatten wir einen Nerv getroffen. Das Deutsche Architekturmuseum bedachte das Buch 2009 gar mit dem Architekturbuchpreis. Gleich nach Erscheinen hatte es ein Berliner Künstler außerdem in einer renommierten amerikanischen Kunstzeitschrift als sein Lieblingsbuch des Jahres erwähnt, woraufhin der Verlag so viele Anfragen erhielt, dass gleich auch noch eine englische Ausgabe gedruckt wurde. Und vor einigen Monaten ist nun bereits die vierte deutsche Auflage erschienen.

Wir haben auch schon davon gehört, dass unser Reiseführer irgendwo auf den Schreibtischen von Denkmalpflegern oder Gemeindeverantwortlichen gesichtet wurde. Oder Menschen vor Ort mit dem Büchlein in der Hand nach dem Weg zu den Bauten fragen… Genau das hatten wir uns immer gewünscht! Vielleicht können wir so einen kleinen Beitrag dazu leisten, dass Müthers Bauten erhalten bleiben und geschätzt werden.

Zur Buchvernissage 2009 hatten wir im Architekturforum in Zürich eine Ausstellung mit ausgewählten Originalzeichnungen organisiert. Dafür wurden auch eigens Tragstruktur-Modelle der wichtigsten Bauten erstellt. Die Ausstellung war sehr gut besucht; Begleitvorträge, ein Podiumsgespräch mit den Ingenieuren Jürg Conzett und Massimo Laffranchi, dem Architekten Christian Kerez und weiteren Gästen stieß auf großes Interesse. Auch heute noch werden wir ab und zu darauf angesprochen.

Können Sie sich vorstellen, dass an Architektur interessierte Urlauber extra auf die Insel Rügen kommen, weil es hier eine relativ große Dichte an Hyparschalen gibt?

Aber sicher. Das ist zumindest unsere große Hoffnung! Deshalb haben wir unser Buch auch als Reiseführer zu Müthers Schalenbauten konzipiert. Das handliche Format passt in jede Jackentasche, jedes Bauwerk ist auf einer Karte verzeichnet und daher gut auffindbar. Die kurzen Beschreibungen und übersichtlichen Angaben verhelfen zu einem schnellen Überblick und einfachen Einstieg in die Welt von Müthers Schalenbauten. Neben den doppelt gekrümmten Schalen hat er hier (oftmals als Experimente) auch einige sehenswerte Solitär-Bauten erstellt. Sie im Kontext der Umgebung zu sehen, ist noch viel faszinierender als auf den Fotografien. Bei der Reise von Bauwerk zu Bauwerk fährt man durch die beeindruckenden Buchenwälder und spaziert über die Dünen an der Ostsee. Architekturbesichtigung und Naturerlebnis lassen sich also ideal kombinieren.

Werden derartige Bauwerke eine Art „Wiedergeburt“ erleben – also von Architekten und Baufirmen neu entworfen und errichtet werden? Oder war es aus Ihrer Sicht nur ein gewisses Zeitfenster, in dem dies realisiert werden konnte?

Es waren vermutlich insbesondere die damaligen Umstände in der DDR, die diese Konstruktionsart befördert haben: Für die dünnen Schalen war verhältnismäßig wenig Material, was teuer war, notwendig. Jedoch erforderte die Anfertigung der Schalen aufwendiges Handwerk, was zu jener Zeit mit billigen Arbeitskräften sichergestellt werden konnte. Dies wäre heute in dieser Form nicht mehr möglich. Auch aufgrund veränderter technischer Anforderungen an ein Gebäude kommen Schalenkonstruktionen heute kaum mehr zur Anwendung. Eine analoge Filigranität wäre heute nicht mehr möglich. Aber wie gesagt, sollte sich die Verfügbarkeit von Baumaterialien verändern, könnte auch der Schalenbau wieder stärker in den Fokus rücken. Aktuell wird gerade auch hier in Zürich an der ETH zu diesem Thema geforscht. An der vergangenen Architekturbiennale in Venedig wurden dazu von der Block Research Group beispielsweise erste Prototypen reiner Druckschalen gezeigt. Vielleicht entstehen daraus in Zukunft neue Anwendungsmöglichkeiten für die Praxis. Bis dahin bleibt wohl vor allem die Aufgabe, die vorhandenen Schalenbauten zu pflegen. Damit sie noch möglichst lange erhalten bleiben und vielleicht zukünftigen Generationen als Anschauungsmaterial und als mögliche Anknüpfungspunkte für ein Weiterdenken dienen können.

Wie würden Sie die Leistung und den Nachlass von Ulrich Müther bewerten – und was sagen Sie zum Umgang mit seinen Bauten?

In seinen 36 Jahren Berufstätigkeit hat Ulrich Müther über 60 Schalenbauten realisiert. Seine wegweisenden Konstruktionen baute er vor allem auf Rügen, in und um Rostock und in der weiteren Umgebung Mecklenburg-Vorpommerns. Aus der Ferne beobachtet und aufgrund verschiedener Informationen vermuten wir, dass hier heute eine gewisse Sensibilität gegenüber den Bauten besteht und das Interesse an den Schalen wieder zugenommen hat. In diesem Sinne sind wir zuversichtlich, dass sein gebautes Erbe noch lange erhalten bleiben wird!

Abschließende Frage: Welche Schale ist Ihr Liebling – und warum?

Da sind wir immer noch zweierlei Meinung!

Für Rahel ist es das Inselparadies in Baabe. Die aus vier Hyparflächen zusammengesetzte Schirmschale von 1966 steht für einen glamourösen Zeitabschnitt und thront über der Düne am Strand. Eine Freitreppe windet sich nach oben, von hier eröffnet sich ein spektakulärer Weitblick über den Strand und die Ostsee. Die in der Untersicht integrierten Lampen erzeugen nachts den Eindruck eines Sternenhimmels.

Für Michael ist es die Messehalle, die Müther für die Ostseemesse 1966 geplant und gebaut hat. Die zwei zueinander versetzt angeordneten Hyparschalen trafen damals den Nerv der Zeit und legten den Grundstein für Müthers Durchbruch in der DDR. Mit ihren expressiv aufstrebenden Dächern vergegenwärtigten sie das Selbstbild des jungen Staates und setzen ein starkes Symbol für die allgemeine Aufbruchstimmung. Ihre Eleganz und Leichtigkeit sind selbst durch die Neunutzung als Autowerkstatt nicht verloren gegangen.

Vielen Dank für die Antworten und das wunderbare Buch.

Foto: Fabienne Lämmler, Zürich

 

Hier geht es zur Buchvorstellung.


FEEDBACK

ABO


3 Kommentare

  • Danke für Ihren Beitrag. Gerade haben die Reiseleiter/Gästeführer für Rügen im Haus des Gastes in Binz einen Vortrag im Rahmen ihrer sog. Winter-Qualifizierung gehört. Es wurde auch der Film “ Spannweiten“, DDR 1989 gezeigt. Nachdem wir im vergangenen Jahr einen Vortrag über das Wirken von U. Müther gehört hatten und seinerzeit den prämierten Film “ Für den Schwung sind Sie zuständig “ sahen. Für mich ein gutes Thema, um auch einmal einen Sohn des Ortes in den Mittelpunkt zu rücken. Sie wissen ja, …..der Prophet…..Beste Grüße
    Jürgen Runge

  • Bin über einen Beitrag im Magazin auf euren Beitrag gestoßen. Als gebürtiger Sassnitzer kenne ich viele Schalen von ullrich müther und ihn auch noch persönlich. Habe mir gestern den kleinen „Reiseführer“ gekauft. Das Buch Kühne Solitäre gibt es leider nicht mehr zu bestellen. Wenn es jemand übrig hat, bitte melden.