Geschichten rund um den Hering


Geschichten rund um den Hering
Holger Vonberg ist gebürtiger und bekennender Rüganer. Sein Berufswunsch als Zweijähriger: „Urlauber Baabe“. Das hat nicht ganz geklappt. Ab 1991 war er als Journalist u. a. für den NDR, die OZ und den „Urlaubs-Lotsen“ auf der Insel unterwegs. Bis März... mehr

De Hiering kümmt!“ Wenn dieser Ruf durch das Fischerdorf Vitt hallte, da gab es für die Fischer einst kein Halten: Rein die Boote, hin zu den prall gefüllten Netzen.

Wenn die Tage zwischen Wintersonnenwende und Frühling wieder länger werden, schwärmen die Heringe in unsere Küstengewässer, um hier ihre Fortpflanzung zu feiern. Dass viele Silberlinge später im Netz landen, ärgert die Tierwelt, nicht aber die Fischer, Gastronomen und Freunde leckerer Heringsspezialitäten.

Bismarck war auch nur ein Hering

Wie der Bismarck-Hering zu seinem Namen kam? Dazu gibt es einige überlieferte Begründungen und noch immer gern verbreitete Mutmaßungen. Ob es stimmt, dass Otto von Bismarck nach dem Genießen einer Herings-Heil-Diät wieder genas oder ein Stralsunder Fischhändler dem Reichskanzler ein Fässchen eingelegten Herings zukommen ließ? Wer weiß! Vielleicht hat auch ein Flensburger Wirt aus Marketinggründen an höchster Stelle um erlauchte Erlaubnis gebeten, seine in saure Marinade eingelegten Heringslappen nach Otto von Bismarck zu benennen. Bekannt ist lediglich, dass diese Marinade mit Essig, Speiseöl, Zwiebeln, Senfkörnern und Lorbeerblättern angesetzt wird und der Bismarck-Hering zu DDR-Zeiten wohl eher aus politischen Geschmacksgründen „Delikatess-Hering“ genannt wurde.

Der Preis ist heiß

Bismarck soll ja mal gesagt haben: „Wenn Heringe genauso teuer wären wie Kaviar, würden ihn die Leute weitaus mehr schätzen.“ Heute gibt’s den Brotfisch der Fischer fein angerichtet mit Salatblatt im Brötchen oder garniert mit Bratkartoffeln, mit oder ohne Ei. Oder als Bückling, bei dem Köpfchen gefragt ist, denn wer den Hering mit Kopf bei über 60 Grad räuchert, der macht aus dem Silber des Meeres einen wie Gold glänzenden Schmeckhappen. Das Gold entsteht durch das beim Räuchern austretende Fett.

Unser Inselexperten-Heringstipp: Der Bückling schmeckt am besten frisch aus dem Rauch, wenn er noch lauwarm ist. Hat seine Haut aber den goldenen Glanz verloren, ist er nicht mehr ganz so frisch.

Was Sie noch über den Hering wissen müssen:

Ein ausgewachsener Hering zu werden, ist einem Glücksspiel sehr ähnlich. Einer verliert, einer gewinnt. So ungefähr muss man sich das vorstellen, denn der Hering ist auf sich allein gestellt, sobald er als befruchtete Eizelle ohne jedwedes Elternteil im flachen Boddengewässer vor sich hindümpelt.

Fressen oder gefressen werden: Frisch geschlüpft haben die Heringslarven große, staunende Augen, mit denen sie kleinere leckere Krebslarven entdecken können, die sie dann verputzen. Oder sie sehen mit ihren weit aufgerissenen Augen größere Fischlis, die wiederum Heringslarven auf der Speisekarte haben. Nur etwa ein!!! Prozent der Heringslarven überlebt dieses Altersstadium.

30 Tage nach dem Schlüpfen haben die lütten Heringe schon alle Flossen, die sie so zum Schwimmen, Navigieren, Jagen und Flüchten brauchen. Kiemen werden langsam gebildet. Und auch im Alter von 60 Tagen brauchen sie noch kein spezielles Shampoo. Schuppen bekommen sie erst später.

Nach etwa einem Jahr Alleingang gesellen sich die verbliebenen Jungfische zum Schwarm ihrer Anverwandten. Diese Jungfische werden von der Fachwelt als Rekruten bezeichnet. Dieses Wort kommt ursprünglich aus dem Lateinischen: recrescere („nachwachsen“), woraus dann auf Französisch recrue, der Nachwuchs, wurde. Dass diese Rekruten in der Herings-Truppe dann gar die Stiefel oder Fliesen mit Zahnbürsten putzen müssen, stammt aber aus dem Reich der Unterwassermärchen…

 

So, hier kommt nun der Beweis, am 1. März fangfrisch nachgeliefert aus dem Ostseebad Baabe. Tourismusdirektorin Uta Donner war am Ostseestrand, als die Fischer den ersten fetten Frühjahrshering anlandeten.  Vielen Dank für dieses Foto:

 

Silber des Meeres_Baabe

 

 

Hering? Ein Gedicht!

von Joseph Victor von Scheffel:

Eine traurige Geschichte 

Ein Hering liebt‘ eine Auster 

Im kühlen Meeresgrund; 

Es war sein Dichten und Trachten 

Ein Kuss von ihrem Mund. 

 

Die Auster, die war spröde, 

Sie blieb in ihrem Haus; 

Ob der Hering sang und seufzte, 

Sie schaute nicht heraus. 

 

Nur eines Tags erschloss sie 

Ihr duftig Schalenpaar; 

Sie wollte im Meeresspiegel 

Beschauen ihr Antlitz klar. 

 

Schnell kam der Hering geschwommen, 

Streckt seinen Kopf herein 

Und dacht‘ an einem Kusse 

In Ehren sich zu freun! 

 

O Harung, armer Harung, 

Wie schwer bist du blamiert! 

– Sie schloss in Wut die Schalen, 

Da war er guillotiniert. 

 

Jetzt schwamm sein toter Leichnam 

Wehmütig im grünen Meer 

Und dachte: „In meinem Leben 

Lieb‘ ich keine Auster mehr!“ 

hv Heringe


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