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Kreisgerichtsdirektor Carl Adolph von Eckenbrecher führte das Amt von 1852 bis 1865. Dann wechselte er ans Kreisamtsgericht nach Stralsund. Sein Wohnhaus stand bis zum Abriss nach 1990 Ecke Calandstraße/ Parkstraße. Es war ein Haus voller Poesie mit Kammerkonzerten, Lesungen und einem Klavierkonzert im winterlichen März 1855 mit der berühmten Pianistin Clara Schumann, die so u.a. ihren Lebensunterhalt verdienen musste. Hier unterhielt ebenfalls Luise Gutzeits die erste Mädchenschule für höhere Töchter.

1. Koeniglich preussische Amtsgericht 1904

Zu Eckenbrechers Zeit wirkten 6 Richter in Bergen, die allerdings auch Rechtspflege und Schriftangelegenheiten erledigten.

Besondere Beachtung muss man der bürgerlichen Revolution von 1848 ebenfalls der rügenschen Region widmen. Das Ergebnis war ein freies demokratisches Parlament, welches sich  am 18.Mai 1848 in  der Frankfurter Paulskirche mit 568 Abgeordneten aus allen deutschen Staaten konstituierte. Neben Ernst Moritz Arndt, Arnold Ruge und Otto von Bismarck (Vertreter des preußisches Staates) wirkte Dr. Jacob Guido Theodor Gülich als Abgeordneter für eine Region Schleswigs in der Nationalversammlung als Mitglied des Verfassungsausschusses. In der Sitzung  verteidigte er sich gegen Vorwürfe an die Stadt Apenrade und den Umgang mit einer Gruppe dänischer Bürger: „Wir wollen die Freiheit nicht erkaufen um den Preis unserer deutschen Nationalität, wir sind gemeint, daß feste deutsche Männer, wenn sie am Vaterland festhalten, auch die Freiheit zu erringen wissen werden, wir wollen deutsch sein und bleiben, denn das deutsche Volk ist groß und herrlich, groß und herrlich muß daher auch Deutschlands Zukunft sein.“ (Bericht aus der 15. Sitzung in der Paulskirche 9. Juni 1948).
Kreisgerichtsrat Dr. Gülich wirkte danach lange Jahre als charismatischer Kreisrichter am Amtsgericht Bergen.

Das königlich preußische Amtsgericht besticht durch seine symbolische Architektur und die typischen Klinkersteine.

Die Fassade prägen  besonders zwei Bauelemente.Wir betreten das Gericht durch einen der Hansezeit nachempfundenen Stufengiebel mit dem Anspruch für bürgerliche Rechte und Freiheit. Links daneben erkennen wir eine mächtigen Turm, dem Bergfried einer mittelalterlichen Burg nachempfunden. Dieser steht für den preußischen Staat und dessen Machtanspruch – eine nachdenkenswürdige Synthese nicht wahr!
Ein interessanter Aspekt mit ganz persönlichen Befindlichkeiten wurde im Juni 1854 durch ein Schreiben an den Magistrat lautbar. Dort hieß es durch den Baumeister: „ … Für das das Gericht besuchende Publikum hat sich seit geraumer Zeit das Vorhandensein einer Urinieranstalt als höchst notwendig gezeigt, teils um in der Nähe des Gerichtsgebäudes vorhandene Ecken und Winkel reinzuhalten ,teils aber auch um den in Nähe desselben wohnenden Personen schamverletzende Auftritte unsichtbar zu machen. Die Anlage einer solchen Anstalt soll nun auf Kosten des Gerichts beschafft werden und ich bin mit der Erbauung derselben beauftragt, gleichzeitig aber auch angewiesen, einen hierzu geeigneten Platz zu ermitteln….“
Jedenfalls  wurde das Problem wohl befriedigend auf dem Areal des Amtsgerichts gelöst.

Der Deutsch-Französische Krieg von 1870 bis 1871 bewegte auch die Bergener Bürger. Hier gab es wiederholt Spendenaufrufe, wie der im „ Rügener Kreis- und Anzeigenblatt“ vom 20.Juli 1870. Frau von Platen, Frau von der Lancken und die Frau des Bürgermeisters Richter baten um Spenden, wie Leinwand, Matrazen, Bekleidung und weitere Gaben. Unterstützt wurde der Aufruf durch den Bergener Bürgermeister Dr. Richter und den Landrat von Platen. Das Amtsgericht hatte bereits am 29. August 1870 den Tod des Kreisrichters und Landwehrlieutenant Fischer zu beklagen. So bezeugte es eine Anzeige des Collegiums des Königlichen Kreisgerichts. Das Ziel dieses Krieges war es unter der Annektion von Elsas und Lothringen ein einiges Deutsches Reich zu schaffen. Einen dementsprechenden Aufruf des preußischen Königs Wilhelm I. wurde begeistert durch Bergener Honoratioren, wie die Senatoren Berger und Bley, Rechtsanwalt Biel, Kreisrichter Boysen, Rektor Breitsprecher, dem Repräsentanten-Vorstehen Paulsdorff, sowie Landrat und Bürgermeister aufgenommen und unterzeichnet. Der Aufruf lag u.a. in den Bergener Hotels „Zum Rathskeller“, „Zum   Prinz zu Preußen“ und „Zum Goldenen Adler“ aus. Nach dem Sieg über Frankreich wurde in einer Proklamation im Januar 1871 der preußische König Wilhelm I. zum deutschen Kaiser ausgerufen.*

1879 trat eine neue Gerichtsverfassung in Kraft. Hierin hieß es: „Ein Schöffengericht setzt sich zusammen aus dem Amtsrichter und den aus der Bürgerschaft zugezogenen Schöffen. Jeder Deutsche, der das dreißigste Lebensjahr erreicht hat, hat das Recht und die Pflicht Schöffe zu werden…“Es war der Beginn des ehrenamtlichen Schöffen. In einer Verhandlung des Schöffengerichts vom 12. April 1882 kam u.a. folgender Fall zur Verhandlung: „ Der Knecht W . befand sich am 10. Juli 1881 zu G.  im Polizeigefängnis. Da ihm die Zeit zu lang wurde, zerstörte er die Decke des Gefängnisses , stieg auf den Boden und gelangte so ins Freie. Auf Grund seines Geständnisses wird er wegen vorsätzlicher Sachbeschädigung zu drei Tagen Gefängnis verutheilt.“

Die Enge des Amtsgerichts war bereits 1887 ein Thema.

So kam es im Jahre 1901 zu Umbau- und Erweiterungsarbeiten unter Leitung des Bergener Maurermeisters Christoph Jasmund  für die Gerichtssäle und aus Putbus Maurermeister Boldt für das Gefängnis . Während dieser Zeit zog das Gericht in Räumlichkeiten des Rathauses.*
In der Zeit zwischen Kaiserreich und Weimarer Republik wirkte Karl Ludwig Langsdorff als Amtsrichter in Bergen. Sein Sohn Johann Wilhelm Rudolf wurde bekannt durch seinen Freitod in der Nacht vom 19. zum 20. Dezember 1939. Er war Kapitän auf der „Graf Spee“ und ging in den Freitod um seiner Mannschaft das Leben zu geben und nicht in den  Tod zu führen. Die Nationalsozialisten  unter Hitler brandmarkten ihn deshalb zum Volksverräter. Seine Gebeine ruhen heute im argentinischen Buenos Aires.  Ein Bemühen um eine würdige Gedenkstätte für Kapitän Langsdorff vor dem Amtsgericht wird bis heute von den Verantwortlichen abgelehnt.
Unter dem nationalsozialistischen Staat wurde die Freiheit der Justiz mehr und mehr eingeschränkt. Im April 1934 wurde Werner Schulz Oberamtsrichter und aufsichtsführender Richter am Amtsgericht. Trotz Eintritt in die NSDAP 1937 galt er laut Aussage des Amtskollegen Krummwiede als ehrenhafter und keineswegs fanatischer Richter.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges 1945 wurde nach dreiwöchiger Untersuchungshaft der besagte Amtsgerichtsrat Krumwiege durch die sowjetische Militäradministration in das Amt eingesetzt und führte es bis 1946. Richter der DDR Ära waren u.a. Anton Smolek, Heinz Werner Günter Bohl, Helmut Grüßner und Heinz Werner.
Nach 1990 wurde mit dem Einigungsvertrag auch eine Justizreform eingeleitet und die bundesdeutsche Gesetzgebung übernommen. Neue Richter fanden in Bergen eine neue Aufgabe, wie Richter Heinrich Müller, Rainer Eggers und Thomas Ehlers um nur einige zu nennen.

Mit der Kreisgebietsreform zum Kreis Rügen – Vorpommern und dem Gerichtsstrukturordnungsgesetz von 2013 wurde das Amtsgericht zu Bergen auf Rügen zu einer Zweigstelle des Amtsgerichts Stralsund degradiert und glitt per Verfügung vom 23. November 2015 in die Zweitrangigkeit ab.
Ein darauf  inszenierter Volksentscheid kam nicht zum Erfolg da die Bürger wohl keine Notwendigkeit darin sahen den Status eines Kreisgerichts in Bergen auf Rügen zu erhalten. Nur so ist die geringe Wahlbeteiligung zu erklären.
Trotzdem möge die Stätte des demokratischen und freien Rechts weiter Bestand haben nach dem Sinnspruch

                           „Friede ernährt – Unfriede verzehrt“

Inselexperten-Tipp:

Der Autor Uwe Hinz bietet außerdem regelmäßig Stadtführungen in Bergen auf Rügen an:

“Mit Ihrem magister historicus das historische Bergen entdecken”
Ein Streifzug durch unsere Kultur-, Natur-, Architektur- und Kunstgeschichte

Mittwochs (vom 01. April bis 30.September) um 10.30 Uhr
Treffpunkt ist der Platz „ Am Goldener Brinken“ (obere Bahnhofstrasse an der Billroth –Eiche)

ab 2 Personen pro Pers. 10,00 EURO
Dauer ca. 120 Minuten
Individuelle Führungen zu anderen Tagen und Zeiten das ganze Jahr über gern nach Absprache.

Donnerstags (bis Ende September) Kirchen- und Klosterarealführungen von 11.30 – 12.30 Uhr (5 Euro pro Person)
melden am Informationsstand in der Kirche St. Marien

Kontakt: firma-hinz@web.de oder telefonisch unter 03838 252808 (oder abends unter 03838 308485)

Buch-Tipp:

Unser Autor Herr Uwe Hinz kennt seine Geburts- und Heimatstadt Bergen wie seine Westentasche. Im Sutton-Verlag ist nun sein neues Bergen-Buch erschienen, in dem der Vorsitzende des Altstadtvereins die Inselhauptstadt mit historischen Foto-Raritäten und aktuellen Aufnahmen und mit informativen wie unterhaltsamen Texten vorstellt.

Hier geht es zur Buchvorschau.

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Uwe Hinz

Seit 1755 leben die Vorfahren von Uwe Hinz als Bürger in Bergen auf Rügen. Hier stand 1948 auch seine Wiege. Sein Interesse für Geschichte, Archäologie und die Bücherwelt sind Bestandteil seines Lebens. Der Kürschnermeister lebt und arbeitet mit seiner Frau und drei Jungs in Bergen, wo er seine Firma unter dem Motto „Handwerk& Lebensart“ führt.