Mit einem Schneemann in die Sauna? Geht nicht? Geht doch!


Mit einem Schneemann in die Sauna? Geht nicht? Geht doch!
Maik Brandenburg ist als Reporter weltweit unterwegs für Magazine wie Mare, Geo, Merian und Free Man's World. Auch, wenn das Reisen seine Leidenschaft ist: "Am Ende zählt, dass ich stets wieder auf Rügen lande", sagt er. Brandenburg lebt mit seiner... mehr

Es ist wirklich ein feuriges Pferd, man sollte ihm nicht zu nahekommen. Nur muss man sich weniger vor seinen Hufen fürchten, als vor seiner heißen Haut. Sie ist aus rotglühendem Glas. André Blumberg allerdings weiß, wie man mit solchen „Bestien“ umgeht. Er zupft und zieht vorsichtig am Glas, die Ohren werden sichtbar, der Schweif, der Schwanz. In kaum drei Minuten ist aus dem einstigen Glasklotz so ein attraktiver Schimmel entstanden.

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Er gehört neben den Schneemännern, Pinguinen, Kugeln, Vasen, Fischen und gar merkwürdigen Exoten zum Angebot des Binzer Glasbläsers.

Glasbläser? „Eigentlich bin ich Glasmacher“, berichtigt der 45-jährige gebürtige Ilmenauer. Das ist ein kleiner, aber feiner Unterschied, im wahrsten Sinne: „Ein Glasbläser macht filigranere Sachen“, sagt der Meister. „Er hat auch andere Werkzeuge. Seine Pfeifen sind kleiner, dünner und aus Glas, beispielsweise.“ Die „Glasbläserpfeifen“ von Glasmacher André Blumberg dagegen sind aus Eisen. Einige sind hohl, denn gelegentlich muss in seine Stücke auch etwas Luft. Wie Speere liegen die Pfeifen vor dem glühenden Ofen. Daneben stehen Schalen, orangene, blaue, rote, grüne Glaskristalle darin, fein wie Staub. Es sind die Farben des Glasmachers.

Wie paradox: Heiz doch mal den Kühl-Ofen an!

Die Glasbrocken, die aus dem Ofen gezogen werden, sind bis zu 1200 Grad heiß, auch das Material, aus dem dann ein haltbarer Schneemann wird, dem selbst Saunagänge nichts ausmachen würden? Gut einen Tag müssen die Figuren nach ihrer Formgebung in den so genannten Kühl-Ofen (!!!), um bei erfrischenden 500 Grad auf handwarme Temperaturen runterzukommen. „Anderenfalls gäbe es zu große Spannungen und das Glas könnte platzen.“

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Kaum ein paar Minuten braucht André Blumberg, um aus dem heißen Glasbrocken einen Schneemann zu zaubern. André Blumberg: „Ich mache aber sonst eher stilistische Sachen.“ Man kann auch sagen: gröbere.

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Was nicht heißt, dass sie weniger kunstvoll wären. Auch wenn es so leicht schien, wie der Glasmacher aus dem Klumpen Glas einen Schimmel oder Schneemann formte: „Ich habe Jahre gebraucht, bis ich das konnte“, so André Blumberg.

So lange wird sein Sohn Max sicher auch benötigen. Der 20-jährige lernt just bei seinem Vater, es wird sein zweiter Beruf. „Eigentlich bin ich Mechatroniker. Aber im Hinterkopf war immer – eines Tages übernimmst du das Geschäft.“

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Sie haben geschickte Hände.

Neben geschickten Händen braucht der Glasmacher selbstverständlich eine starke Lunge. So gefährlich, wie noch vor hundert Jahren, als viele Glasmacher und -bläser an ihrem Beruf zugrunde gingen, ist seine Arbeit heute allerdings nicht mehr. „Die starben früher vor allem daran, dass sie viel Blei einatmeten. Blei machte das Glas weicher – und auch die Birne“, so Blumberg, der in der Ilmenauer „Sophienglashütte“ gelernt hatte. „Außerdem lag viel Asbest in der Luft von den Schutzanzügen.“

„Wir haben immer viel Durst.“

Die brandsichere Kleidung ist heutzutage asbestfrei. Bleiglas gibt es kaum noch, und wenn, wird es in Automaten hergestellt. Eines allerdings ist geblieben: „Ob Glasmacher oder Glasbläser, wir haben immer viel Durst.“ Klar, die ganze Zeit bei der Hitze arbeiten. Darum stand früher auch gleich neben der Werkstatt zumeist eine Brauerei. Schon morgens um Fünf, zu Arbeitsbeginn, ploppten dann die Flaschen auf. „Aber es gab nur Helles. Das hat viele Mineralien und weniger Alkohol als dunkles Bier.“ Und heute? „Heute haben wir ja Südfrüchte wegen der Mineralien“, sagt Meister Blumberg lächelnd.

Einen Schwips kann er sich auch gar nicht erlauben. Zu schnell ist so ein Glas zunichte. Ein kurzer, unbedachter Moment reicht, dass aus einem Pinguin oder Schneemann Glasbruch wird. „Käsekuchen“, sagt der Fachmann. Apropos Glasbruch: Nachts an die Flaschencontainer zu gehen, um daraus die weggeworfenen Flaschen zu klauben, ginge nicht. „Das Glas ist viel zu hart. Ich nehme Glasbruch aus der Optik, von Linsen oder Lupen.“ Da dieser mittlerweile aber knapp geworden ist, muss der Kunsthandwerker seinen Rohstoff aus dem Ausland ordern, aus spezialisierten Hütten. Das hat das Material um das Fünffache verteuert.

Dennoch hat er keine Sorge, auch weiter Vasen, Wanduhren, Herzen anbieten zu können. Oder die Tiere seines exotischen Zoos. Einige dürften in der Natur noch unentdeckt sein. Etwa jener bunte Paradiesvogel links neben dem Pfau, der sein Rad in allen Farben des Regenbogens aufschlägt. Oder dieses niedliche, aber unbestimmte Nagetier. Dafür sind seine Enten, Schwäne, Katzen, Eichhörnchen oder Fische und Pfauen klar als solche erkennbar.

Seit 20 Jahren lebt André Blumberg im Ostseebad, fast so lange gibt es dort sein Geschäft. Er ist der einzige Glasmacher auf Rügen. Und vielleicht jener Mann, der eine neue Tradition auf der Insel begründet. „Warum nicht? Die Leute im Thüringer Wald haben ja irgendwann auch mal damit angefangen“, sagt er. Und jetzt geht es eben an der Ostsee los.

Vielleicht sollte er dann eher typisch norddeutsche Figuren machen, am besten welche mit Märchenbezug. Eine Nixe, etwa. Oder Fische. Wie wäre es mit dem Butt aus „Von dem Fischer un syner Fru“?

„Habe ich doch schon“, sagt André Blumberg lächelnd und zeigt einen blauen Butt vor. Kann der denn Wünsche erfüllen? „Aber klar“, verspricht der Meister. „Man muss nur dran glauben.“

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Die Inselexperten danken der Kurverwaltung Binz und dem Autor Maik Brandenburg für diese glasklare Geschichte und die schönen Fotos.

 

Mehr aus Rügens größtem Ostseebad und weitere Binz-Geschichten auf:

www.ostseebad-binz.de

 

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Mehr über den Glaskünstler auf: www.blumberg-glas.de


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