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Der Zweckverband Wasserversorgung und Abwasserbehandlung Rügen (ZWAR) testet zurzeit ein E-Mobil auf der Insel: den Twizy von Renault, ein reines Elektrofahrzeug, das eine Reichweite von 100 Kilometern haben soll. Dieses Fahrzeug haben die „Wassermänner“ für drei Wochen ausgeliehen – und zwar von der Metropolregion, die beim Thema E-Mobilität deutschlandweit die Nase vorn hat. Die Metropolregion steht für den Raum Hannover, Braunschweig, Göttingen und Wolfsburg, ist eines von vier so genannten „Schaufenstern Elektromobilität“ in der Bundesrepublik und will Deutschlands größte Insel in dieser Frage tatkräftig unterstützen.

Doch wie fährt sich solch ein E-Mobil? Und wie alltagstauglich ist es? Das durften die Inselexperten jetzt ausprobieren.

 

Hier der Testbericht.
Freitagmittag, das blaue, knuffige Überraschungs-Ei mit E-Antrieb hängt mit seinem Ladekabel beim Zweckverband noch an der normalen Steckdose. Die Batterie ist voll, hat 100 Prozent. Die hellblaue „Nabelschnur“ wird abgezogen und in einem kleinen Plastekästchen an der nicht vorhandenen Motorhaube verstaut. Ich bin bereit, bekomme eine kurze Einweisung, den Schlüssel – und die ersten Zweifel. Mit dem Twizy will ich nämlich zu einem Termin nach Lauterbach fahren und anschließend nach Hause, nach Dranske auf Wittow.

Ich rechne: Bergen-Lauterbach, das sind etwa 11 Kilometer, von Lauterbach über die Wittower Fähre nach Dranske: 50 Kilometer. Macht 61 Kilometer, doch die Anzeige im Display sagt mir eine Reichweite von 52 (!) Kilometern voraus.

„Erst mal machen, mal sehen, was wird.“ Ich stürze mich in das Abenteuer und in den fließenden Verkehr, den ich natürlich nicht ausbremsen möchte. Also Fuß aufs Gas und ab in Richtung Lauterbach. In dieser malerischen Allee, die ihr vielfarbiges Herbstkleid angelegt hat, ist Tempo 80 erlaubt. Das schafft der kleine Blaue auch, doch ohne Seitenscheiben ist es in der Fahrgastzelle, die ihrem Namen alle Ehre macht, recht zugig. Schwupps – der erste Balken an der Batterieanzeige ist weg. Und der Zweite folgt sogleich.

 

Schnellfahrer sind Akku-Leerer.
Doch wo ist die nächste E-Tankstelle? Der e-Tankstellenfinder auf dem Handy zeigt mir welche auf Bornholm und auf dem Festland an. Ich weiß aber, am Markt in Bergen haben wir eine Ladestation gleich neben der Tourist-Information. Die wäre meine letzte Rettung beim Boxenstopp, sollte ich nichts Passendes finden.

In Lauterbach rolle ich flüsterleise auf den Hof der Kfz- und Karosseriewerkstatt Last & Mohnke, öffne die Flügeltür und bitte um einen kleinen Nachschlag Strom. Den gewährt und schenkt mir Michael Last dann auch. „Das verbuchen wir einfach unter Forschung“, sagt er lachend. Die Idee, die Insulaner und ihre Gäste elektromobiler zu machen, gefalle ihm. Die Infrastruktur und die Angebote müssten nur ausgebaut werden. Auf dem Firmengelände unweit des Hafens könne er sich eine Lade- und Verleihstation vorstellen. Wir vereinbaren, in Kontakt zu bleiben.

Nach gut 20 Minuten habe ich wieder „Saft“ für 53 Kilometer. Und für den Heimweg, der nach meinem Termin auf der Insel Vilm noch immer eine Länge von 52 Kilometern hat…

 

Ich gehe die Fahrt nach Hause gemächlich an, habe bei Tempo 50 Zeit. Viel Zeit, um die Landschaft zu genießen und immer wieder einen Blick auf das Display zu werfen. Jetzt sinkt der Akku-Pegel nicht mehr so dramatisch. Aber die Tour über Bergen und Trent zieht sich bei dieser Geschwindigkeit. Ich habe es ja nicht anders gewollt. Kurzer Stopp an der Wittower Fähre. Jetzt spüre ich den Seitenwind pur. Von rechts pfeift der Oktober frisch durch die fensterlose Flügeltür an mir vorbei und durch die linke Tür wieder raus.

 

Der Twizy ist ein Quad mit Dach,
ein Sommerfahrzeug, das auf eine Heizung verzichtet. Es ist ein Spaßmobil mit großem Show-Potenzial, allerdings ohne Radio, dafür mit zwei Sitzen, vier kleinen Rädern, tiefem Schwerpunkt und harter Federung, mit einem Scheibenwischer, einem Airbag und beheizbarer Windschutzscheibe, an der ich mir so gern die Hände wärmen würde. Aber ich muss ja Strom sparen, um anzukommen.

Windland Wittow: Nach vielen langen und langweiligen Geraden freue ich mich auf die engen Kurven in Wiek, durch die der Twizy wie ein Go-Kart flitzt. Erst am Wieker Dreieck bin ich mir ganz sicher, dass ich es bis nach Hause schaffen werde. In Dranske angekommen, habe ich tatsächlich noch 11 Kilometer Reserve.

 

Nach dreieinhalb Stunden ist der Akku geladen.
Und ich bin wieder aufgetaut. Am nächsten Tag wird der Twizy etwas sportlicher bewegt, auch mal mit Beifahrer, der es sich in einer Sitzschale hinter mir „bequem“ gemacht hat und sich über das Fahrgefühl „Schüddel de Büx“ (vor allem bei Querfugen) köstlich amüsiert. Schon nach 40 Kilometern ist der Tank leer und wird für ca. 1,70 Euro neu befüllt.

Am Montag dann über Sagard zurück zur Arbeit, zur Inselmitte, nach Bergen – im Dunkeln, mit Licht, bei 9 Grad über dem Gefrierpunkt, mit Handschuhen und in wärmeren Klamotten. Geht doch. Die Kälte zieht vorbei wie die kleine Kolonne, die sich kurz vor Ralswiek hinter mir gebildet hat. Meine Zweifel sind inzwischen weg, denn in der Ruhe liegt nicht nur die Kraft, sondern auch die Reichweite.

 

Fazit:

Mir persönlich gefällt dieses ungewöhnliche Fortbewegungsmittel. Es sieht originell aus, macht einfach Spaß, stromert sauber und leise, passt mit einer Länge von 2,33 Metern und einer Breite von 1,23 Metern in nahezu jede Parklücke und kann an normalen Steckdosen betankt werden. Der Preis könnte kleiner, dafür die Reichweite aber etwas größer sein. Für Fahrten auf den einzelnen Rügener Halbinseln ist das E-Mobil optimal. Größere Einkäufe sollte man allerdings mit dem Handwagen machen. Was noch fehlt, ist ein richtiges Netz von Ladestellen, aber daran arbeiten wir ja (siehe oben).

Übrigens: Bis Ende Oktober können Sie unsere E-Trabis ausprobieren.

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Holger Vonberg

Holger Vonberg ist gebürtiger und bekennender Rüganer. Sein Berufswunsch als Zweijähriger: „Urlauber Baabe“. Das hat nicht ganz geklappt. Ab 1991 war er als Journalist u. a. für den NDR, die OZ und den „Urlaubs-Lotsen“ auf der Insel unterwegs. Jetzt gehört er als Inselexperte zur festen Besatzung der Tourismuszentrale Rügen. Er lebt mit seiner Frau auf Wittow und hat zwei erwachsene Kinder.

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