52 Gesichter der Insel Rügen: Iris Bleeck #23of52


Holger Vonberg ist gebürtiger und bekennender Rüganer. Sein Berufswunsch als Zweijähriger: „Urlauber Baabe“. Das hat nicht ganz geklappt. Ab 1991 war er als Journalist u. a. für den NDR, die OZ und den „Urlaubs-Lotsen“ auf der Insel unterwegs. Bis März... mehr

Iris Bleeck | Jahrgang 1944, Schriftstellerin, Bonn / Rügen

Ich habe immer eine solch wertvolle Sehnsucht nach Rügen“, sagt Iris Bleeck mit brüchiger Stimme. Sie lebt in der Nähe von Bonn, spürt aber wie einst Ernst-Moritz Arndt, dessen Grab sie dort zuweilen besucht, dieses starke, unsichtbare Band, das sie mit der Insel verbindet. Darum kommt sie immer wieder zurück nach Rügen.

Iris Bleeck ist wortstark und sprachgewaltig – trotz ihrer Stimmband-Erkrankung. Sie hat etwas zu sagen. Das lässt sie als Schriftstellerin einfühlsam auf das Papier fließen. Das legt sie anderen Menschen in wunderbaren Gesprächen ans Herz.

Als sie 1946 mit ihren Eltern und der Schwester aus Böhmen vertrieben wurde und mit gerade einmal zwei Jahren auf die Reise ging, wusste niemand, wo die Fahrt enden würde. Stralsund war völlig überfüllt. Kein Platz mehr für die Neuankömmlinge. Über den notdürftig geflickten Rügendamm ging es auf die Insel, wo die Familie rechtsab von Gustow in Sissow ein neues Zuhause fand.

Rügen ist ihre Heimat geworden und sollte die Heimat ihrer Seele bleiben, die „Lehrmeisterin für magische Momente“, wie sie sagt. Hier hat sie ihre Schulzeit verbracht, verwunschene Orte entdeckt, ihre Lebensreise fortgesetzt. So war sie unter anderem als Vierzehnjährige im Internat auf der Mittelschule in Binz und hat sich im Sommer ein wenig Geld im Kurhaus mit Kartoffelschälen verdient. . .

Sie wurde Krankenschwester. Später wechselte sie in den FDGB-Feriendienst. Rügen war eines der beliebtesten Reiseziele der DDR-Bürger. Statistisch gesehen kam jeder nur einmal in acht bis zehn Jahren in den Genuss eines vierzehntägigen Urlaubs auf dieser malerischen Ostseeinsel. Neue, modernere Quartiere wurden in den 70er Jahren in Strandnähe errichtet, auch das FDGB-Ferienheim „Arkona“, in dem 1500 Urlauber ständig untergebracht waren. Iris Bleeck arbeitete zunächst im Empfang, wurde nach einem Sonderstudium in Petzow/Werder stellvertretende Empfangsleiterin.

1977 wurde ihre Ausreise in den Westen genehmigt. Iris Bleeck packte wehmütig ihre Sachen, weinte bis Stralsund und begab sich im Interzonenzug auf eine neue Reise. Als ihre drei Herzensbuben, ihre zwei Jungs und ein adoptierter Sohn, später groß genug waren, setzte sie ihre Reise fort, lebte eine Zeit bei den kanadischen Ureinwohnern, war in Peru, lernte andere Welten kennen, spürte aber immer wieder ihre Wurzeln auf Rügen – ganz anders als ihre Eltern.

Eines trägt Iris Bleeck noch heute als schmerzliche Erinnerung bei sich: Im Dritten Reich musste ihr Vater als Lokführer Transporte vom Konzentrationslager Theresienstadt nach Birkenau fahren, zum Kriegsende waren es Vertriebenentransporte und wenig später Züge nach Russland mit Reparationsleistungen aus dem Osten Deutschlands. Seine Worte werde sie nie vergessen – was für ein grausames Berufsleben er hatte. Aber das ist eine andere Geschichte. . .

 

Insel Rügen. #25JAHRE

Nach dem Mauerfall in die Reisefreiheit. Deutschland feiert im Jahr 2015 „Silberhochzeit“: 25 Jahre Deutsche Einheit. Die Insel Rügen erinnert mit der Kampagne „#25JAHRE“ an jene Zeit vor und nach dem Mauerfall. Wie haben die Menschen auf Rügen, Ummanz und Hiddensee die gesellschaftliche Wende erlebt? Wie war ihr Leben in der DDR – an der unsichtbaren Mauer, die Ostsee hieß? Und wie ging es im neuen, vereinten Deutschland für sie weiter? Rügen hat sie: Menschen mit ihren spannenden Geschichten, authentisch, ehrlich, emotional, überraschend. Jede Woche des neuen Jahres steht für 52 dieser Gesichter, die immer freitags in Kurzfilmen auf Youtube (youtube.com/wirsindinsel), Vimeo und im Blog www.wirsindinsel.de gezeigt werden: Plattdänzer und Plattschnacker, „Ureinwohner“ und Neurüganer, Sänger, Künstler, Mitgestalter, eine Meisterin, der Wetterfrosch, der Nachbar und die Nachbarin. Spannende Geschichten, die zeigen, wie tief so manche Wurzel in die Rügener Geschichte hinein reicht, was Glück und was Heimat bedeuten und wie sich Zeiten und Menschen ändern, ob Wünsche und Träume wahr wurden oder Hoffnungen sich vielleicht doch nicht erfüllt haben. #25JAHRE ist ein Projekt voller Emotionen, ein Stück bewahrter Zeitgeschichte, ein Teil von Rügen.


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