Stille Wasser, sagenhafte Tiefen


Natalie Schlemper ist in ihrem Leben viel gereist und dann auf Rügen angekommen. Die Insel mit ihren vielen unterschiedlichen Naturlandschaften, Sehnsuchtsorten und Kuriositäten hat ihren Entdeckergeist in den Bann gezogen. Von einigen Einsichten in das Inselleben wird sie hier berichten.

Neben 574 km Küstenlinie von Bodden und Ostsee hat Rügen auch verschiedene Binnenseen mit außergewöhnlicher Flora und Fauna, die zudem ihren festen Platz in der reichhaltigen Rügener Sagenwelt haben.

So liegt direkt vor den Toren der Inselhauptstadt Bergen der Nonnensee,
ein vor etwa 10.000 Jahren entstandener Schmelzwassersee aus der letzten Eiszeit. Direkt an der Bundestraße B96 gelegen ist er leicht zu finden. Ein 4,7 km langer Wander- und Radweg führt um den See, der nicht nur für Jogger ein lohnendes Ziel ist. In den Schilfgürteln im Uferbereich und den umgebenen Wiesen leben viele seltene Vogelarten, zum Beispiel sieht man schon von Weitem die Kolonie der Kormorane an der nordöstlichen Seite des 75 Hektar großen Sees. Wenn man hier entlanggeht oder zu bei einem Picknick auf dem Vogelbeobachtungsturm sitzt, lohnt es sich, die Augen für einen Moment halb zu schließen und sich unter der glitzernden Wasseroberfläche das Nonnenkloster vorzustellen, das hier der Sage nach versunken ist. In der Nacht zu Pfingsten soll der See die Nonnen und ihr Kloster einst verschlungen haben, als Strafe für ihr Leben in Reichtum, Geiz und Übermut. Während sie nur mit goldenen Gerätschaften gearbeitet haben sollen und wertvolles Salz hier im Sommer ausgekippt haben, um darauf Schlitten zu fahren, wurden Bettler aus Geiz einfach fortgeschickt. Am Pfingstmorgen soll man immer noch das Glockengeläut und die klagenden Stimmen aus dem Kloster am Grunde des Sees herauftönen hören. Vielleicht lohnt es sich, hier einmal zu lauschen.

Silber und Gold sieht man heute noch als Sonnenreflexion auf dem Wasser blinken,

und sollte man die geheimnisvollen Glocken nicht hören, geben die Vögel am See dafür ein eindrucksvolles Konzert.

Ein anderer Ort zum Träumen ist der Schwarze See in der Granitz.
Inmitten des Buchenwaldgebiets im Südosten der Insel liegt er versteckt, umgeben von Moor, Wollgräsern und Torfmoos. Der 15 Meter tiefe See trägt seinen Namen zu Recht: Seltsam still und schwarz glänzend liegt er im leuchtenden Grün des Naturschutzgebiets Granitz. Nur zu Fuß erreicht man ihn über den von Binz nach Sellin führenden Wanderweg. Eine knorrige Eiche an seinem Ufer ist der Sage nach ein verwunschener eitler Prinz. Sein Schloss versank an dieser Stelle, und manchmal soll man die Stimmen der Festgesellschaft aus der Tiefe heraufschallen hören.

Falls nun der falsche Anschein erweckt wurde, dass auf Rügen aus Strafe für Eitelkeiten ganze Naturschutzgebiete erwachsen sind, haben wir auch noch einen ganz anderen magischen Ort anzubieten:

den Herthasee auf der Halbinsel Jasmund.
Ein wunderschöner Wanderweg führt von Hagen aus durch den großen Buchenwald des Nationalparks Richtung Königsstuhl, vorbei an Mooren, Sumpfgebieten und diesem kreisrunden mystischen See. Hertha ist eine Namensabwandlung für die germanische Erdgöttin Nerthus, die hier laut der Schrift Germania Antiqua verehrt wurde. Eine wahrhafte wilde Sagenlandschaft rankt sich um diesen Mythos, der über die Jahrhunderte in verschiedene Richtungen ausgeschmückte Auswüchse annahm. Ursprünglich aber soll hier die Erdgöttin zum Frühlingsbeginn auf einem von Kühen gezogenen Wagen aus dem See gekommen sein um das Land zu segnen, und es zum Leben zu erwecken. Wenn man hier am Ufer des geheimnisvollen Sees steht, inmitten der Geräusche in diesem mächtigen Buchenwald, empfindet man diesen Gedanken plötzlich gar nicht so abwegig.

Unsere stillen Wasser sind ohne Zweifel ein zauberhaftes Naturerlebnis, ob Sie dem sagenhaften Hintergrund nun Glauben schenken oder nicht: Es sind magische Orte.

 


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