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Reetdächer (auch Ried- oder Rohrdächer genannt) gehören zum Norden wie der Wind und die weite Landschaft.

Auch auf Rügen sieht man vielerorts Häuser mit diesem traditionellen Weichdach, denn der Baustoff hierfür wächst quasi vor der Haustür. Das lange Schilfgras aus den Uferbereichen der Bodden wird nach längeren Frostperioden über dem gefrorenen Wasser abgeschnitten und zu ca. 20 cm dicken Bündeln gefasst, die dann von den Rohrdachdeckern von unten nach oben mit Draht auf die Dachlatten genäht werden. Der obere Teil mit den Blütenrispen von dem Schilfgras wird dabei unter die nächst höhere Dachlatte geschoben und zeigt nach innen.

Betrachtet man ein frisch eingedecktes Reetdachhaus von innen, sieht es regelrecht flauschig aus,
zudem hat es einen angenehmen Heugeruch. Trotzdem brauchen Allergiker keine Bedenken zu haben. Ist ein Reetdach erst einmal gedämmt, abgedichtet und hat eine Wandverkleidung, sind sowohl die puschelige Optik, als auch jeder Anflug von Heugeruch vollständig verschwunden. Was bleibt sind das gute Wohngefühl, die schöne Außenansicht und ein ziemlich sturmsicheres Dach über dem Kopf. Ich persönlich finde es auch immer sehr gemütlich, wie leise ein Rohrdach den Regen abfängt.

Bei dem Aufnähen des Reets werden die Enden der langen Halme mit einem Spezialwerkzeug immer wieder in Form geklopft, so dass sie eine glatte Fläche bilden. Auf Rügen wird der Dachfirst traditionell angesetzt und nicht wie beispielsweise in Ostfriesland mit einem Firstreiter versehen. Auf der Wetterseite steht die Reetfläche oben so viel über, dass die Fläche der wetterabgewandten Seite nahtlos dagegen stößt.

Typisch für das Aussehen der Reethäuser mit Krüppelwalmdach ist das Eulenloch (up Platt: dat Ulenloch).

Dieser kleine Durchlass an der Giebelspitze diente früher sowohl als Rauchabzug (bevor man dafür Schornsteine baute) als auch für die Licht- und Luftzufuhr des Dachbodens. Hier bot sich für Steinkäuzchen und Schleiereulen ein guter Zugang, die zum Dank dafür das Ernetgut auf dem Boden mäusefrei hielten.

Oft sind die Windbretter an den Ulenlöchern mit Pferdeköpfen verziert.
Der Dachschmuck diente urspünglich dazu den Wode (der hier in der Mythologie gebräuchliche Name für Wotan) und sein wildes Jagdgefolge gnädig zu stimmen. In den Rauhnächten, auch die Zwölften genannt, also um die Mitwinterwende reitet der Nachtjäger der Sage nach mit einer wütenden Horde über das Land.

Es gibt sehr viele schaurig-schöne Erzählungen darüber im Rügener Sagen-Sammelsurium. (Am besten lassen die sich natürlich unter einem schönen warmen Rohrdach über die Mittwinterzeit durchschmökern.) Es könnte also nicht schaden, sich ein paar Pferdeköpfe aufs Dach zu setzen, um damit im übertragenden Sinn die Winterstürme heil zu überstehen. Übrigens ist durch diese Verzierung schon von weither zu sehen, ob auf dem Hof eine gute Partie zu machen ist: Schauen die Pferdeköpfe nach außen, so ist der Hoferbe männlich, wenn sie sich anblicken, wohnt hier eine Hoferbin.

Es gibt noch viel zu sagen über die Rohrdachhäuser, dass etwa bei Dachfenstern zwischen klassischen „Fledermausgauben“ und moderneren „Ochsenaugen“ unterschieden wird, dass man Hauswurz gegen Blitzeinschlag auf dem Dach ansiedeln sollte, oder dass man die Dächer über Google Earth kaum erkennen kann…, aber am besten probieren Sie einfach selber einmal das Raumklima unter tausenden von kleinen Biodachrinnen.

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Natalie Schlemper

Natalie Schlemper ist in ihrem Leben viel gereist und dann auf Rügen angekommen.
Die Insel mit ihren vielen unterschiedlichen Naturlandschaften, Sehnsuchtsorten und Kuriositäten hat ihren Entdeckergeist in den Bann gezogen. Von einigen Einsichten in das Inselleben wird sie hier berichten.

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