Kindheitserinnerung von Iris Bleeck: Warum Rügen?


Berichte von Einheimischen.

Rügen hat mich seit meiner Kindheit nicht mehr losgelassen. Die Insel hat sich in meiner Seele ausgebreitet mit all ihrem Zauber der mystischen Landschaftsformen und den Erinnerung wachrufenden magischen Orten. Die Insel spiegelt paradiesische Launen und Möglichkeiten der Natur. Rügen ist Meer und mehr.

Ab 1945 bildeten Vertriebene und Flüchtlingskinder, gemeinsam mit den einheimischen Kindern in den Dörfern, so etwas wie eine Solidargemeinschaft. Kriegsbedingt hatten wir einen wundersamen Platz zum Überleben gefunden. Deshalb kehre ich jedes Jahr zurück nach Rügen, den Störchen gleich.

Unter meinen Füßen fühle ich spürbar Vergessenes. Erinnerungen an mich werden wach, an mein früheres Dasein.

Wie eine Sehnsüchtige suche ich immer wieder diesen Platz auf, an dem einst die mit Schilf bedeckte Hütte stand. Nach unserem Auszug hatte sie keinen Lebenswillen mehr, ist in sich zusammengesunken. Es gab niemanden, den sie noch hätte beherbergen können. Vieles ist verschwunden. Auf der Insel zeigt mir meine Erinnerung den Weg, ihr kann ich vertrauen. Hier treffen sich Gegenwart und Vergangenheit. Alles erinnert an den Luxus eines endlosen seelischen Raumes, der mir als Kind zur Verfügung stand.

Viele Ortsnamen der Insel laufen nicht wie flüssiger Honig über die Lippen, sie schmecken eher wie Lakritz: Jarkvitz, Zirkow, Kransdorf, Nardevitz, Sissow, Neklade, Schabernack, Üselitz, Buschvitz.

Die Mentalität der Rüganer, seit vielen Generationen hier geboren, eher karstig, dem Wind und der rauen See angepasst. Besonders im Südwesten der Insel finde ich in uralten Dörfern, leergezogene Häuser, der Wüstung nah, morbide im Fallen, gehalten in bizarrer Schönheit des umwuchernden Blattwerkes. Die Schattenseiten sind sichtbar.

Das kleine Dorf Swantow erlangte durch Hanns Cibulkas poetische Texte in seinem Buch „SWANTOW“, ungeahnte Aufmerksamkeit. Als Kind habe ich mich unter den 400 Jahre alten Eiben im Park hinter dem Pfarrhaus mit ihren starken, herabhängenden Ästen, versteckt und gegruselt. Vielleicht war das hier einst ein Begräbnis- oder Kultplatz der Ranen? Heute kann ich wählen, mich gruseln oder einem Klavierkonzert auf diesem mystischen Platz lauschen. Ich gehe zur Kirche, die auf einem Berg aus mächtigen, ungeordneten Findlingen erbaut wurde. Das Fundament ist slawisch, das Haus christlich, beide vereint. Nun ist es ein Haus des Glaubens und der Erinnerung an vergangene Leben. Ich zwänge mich durch die halb geöffnete Tür, ohne sie zu berühren, in das Innere. Gehe behutsam durch die alten Bänke, auf denen noch immer die Namen der Dörfer stehen, die zu diesem Pfarrbezirk gehörten und berühre sie zärtlich. Ich kann die Stille hören. Es hat mich herausgeworfen aus der lauten Welt in einen zeitlosen Zustand.

In Groß Schoritz, Geburtsort von Ernst Moritz Arndt, riecht es im September nach reifen Äpfeln und Astern.
Ein alter Mann ruft mir zu: „ Bevor die Welt untergeht, zieh nach Rügen, hier geht alles langsamer, geschenkte Jahre.“

Im Spätsommer, wenn die Insel beginnt, sich der vielen Urlauber zu entledigen, schüttelt sie sich, wie der Wind die alten Obstbäume auf der Wiese am Ernst-Moritz-Arndt-Geburtshaus. Das Haus ist heute, durch die Arndt-Gesellschaft, ein Garant für kulturelle Veranstaltungen, Ausstellungen, Konzerte und Lesungen zu jeder Jahreszeit.

Der sandige Feldweg bis nach Altkamp, ein einsamer Weg an der Schoritzer Wiek entlang. Male solche Augenblicke farbig in meine gereifte Seele. Über mir die erste Kranichformation zurück aus dem Norden. Bin auf der Suche nach entschwundenen Dingen und verlassenen Träumen, bevor meine Erinnerungen blind werden.

Als Kind trug ich in meiner Schürze Dinge nach Hause, die ich für besonders, für wertvoll hielt. Dort angekommen, öffnete ich den mühsam mit Kinderhänden zusammengehaltenen Stoff und schüttete den Inhalt auf die Erde. Ich sortierte nach dauerhaftem Gefallen und Wichtigkeit. Reife Brombeeren, Blüten, Steine mit und ohne Glanz, eine hölzerne Wurzel, einer Eule ähnlich, ein kleiner grüner Frosch, der mich erbarmungswürdig anschaut und hüpfend im nahen Bach verschwindet.

Die Schelte meiner Mutter, wegen der verdorbenen, brombeerroten Schürze, im Endorphinrausch der Betrachtung meines neuen Besitzes schnell vergessen.

ICH HABE ZEIT!

Zeit ist immer gleich, unabänderlich steht sie zur Verfügung. Mein Smartphone – zum Schweigen verurteilt – ist es gewohnt, spielt kaum eine Rolle in meinem Leben. Bin nicht süchtig nach flüchtigen Informationen und virtuellen Freundschaften, die mich einsam zurücklassen.

Damals stolperte ich als kleines Mädchen am frühen Morgen schlaftrunken mit einer Schüssel voller Korn zum Schuppen der Hühner. Stellte diese auf den Boden und zog den Holzriegel zur Seite. Als ich das Tor öffnete, drängten sich die, die schon gelegt hatten, gackernd an mir vorbei. Gierig stürzte sich das Federvieh auf die Schüssel, warf sie scheppernd um, ehe ich das Futter verteilen konnte. Sammelte in den mit Stroh ausgelegten Nestern legefrische Eier in mein Nachthemd, dessen Saum ich wie eine Schürze hoch schlug.

Viele Jahre sind vergangen, ich möchte mich erinnern, möchte fast Vergessenes wie einen Zipfel packen, der gerade verlorenzugehen droht.

Auch die altersschwache Bauernkate, in der ich aufwuchs, formte mein junges Leben.
Sie hatte für mich etwas Unsterbliches, war schon über hundert Jahre alt, als mein Leben begann. Wir lebten symbiotisch, das Haus gab Schutz vor Regen und Sturm, und wir belebten es mit unserem Dasein. Gnadenlos ließ das Haus im Winter den Frost durch alle Ritzen, bis er seinen Eis-Atem auf meine Wasserschüssel legte. Es gab kein fließendes Wasser und keine Toilette im Haus. Das Wasser holten wir aus dem Dorfbrunnen und im Winter durfte die Glut im Herd nicht ausgehen.

Bestaune im Jetzt die restaurierten, wunderschön hergerichteten alten Katen, besonders in Orten wie Altkamp, Krakvitz, Groß Stresow und Neuendorf, sehe eine heile Welt, die es früher so nicht gegeben hat. Ursprünglich war anders. Schlicht, nur das Dach über dem Kopf, kein Komfort, der heute unser Leben bestimmt, den wir einfordern.

Die Insel ist ein wohlriechendes, magisches Land.

Im Herbst verströmen abgeerntete Felder den Duft von Zufriedenheit, Endgültigkeit und Wiederkommen. Stürme reißen tote Äste, schaffen neuen Raum. Im Frühling öffnen Hoffnung die Knospen in den Buchenwäldern und die ersten Anemonen unsere Herzen.

Den beginnenden Sommer prägen gelb blühende Rapsfelder und die Vielfalt der Besucher, das rastlose Suchen nach Events, der Strand und volle Supermärkte. Der Winter schenkt Erholung, deckt alles mit einer Schneedecke und harten Frösten zu.

Es gibt stark frequentierte Glanzpunkte der Insel.
Arkonas Leuchttürme, die Seebäder Binz, Sellin, Baabe, Göhren und Vitt als Vorzeige-Dorf, ursprünglich und geradezu unverfälscht, die Großsteingräber bei Lancken-Granitz, dann die weiße Stadt Putbus, mit dem Hauch der Geschichte um den schönen Wilhelm Malte zu Putbus, dem die Stadt nicht nur ihre bauliche Besonderheit verdankt. Stubbenkammer mit dem Königsstuhl und die weiten Sandstrände der Schaabe, von Moritzdorf mit der einzigen in Europa existierenden Ruderbootfähre 50 Meter über die Baaber Bek mit Muskelkraft von Uwe Strandmann gerudert, das alles spiegelt Rügen in den meisten Prospekten.

Rügen ist auch Jarkvitz, das ich über einen altersmüde, zerfressenen Beton-Weg – noch aus DDR Zeiten – erreiche. Festgetretene Vergangenheit.

Im Dorf suche ich die größte Hainbuche der Insel, finde sie aber nicht gleich. Folge einem Wegweiser „Einbahnstraße Hainbuche“, klettere durch einen Bauzaun. Zwischen hüfthoher Wildnis entdecke ich sie. Bestaune aus der Distanz Falten und tiefe Ringe. Versuche, dem Baum etwas abzulauschen, seinen pulsierenden Lebenssaft als Energie zu spüren. Mir wird klar, die Hainbuche hat noch viele Jahre vor sich, meine dagegen sind überschaubar. Ihr Alter zeigt sich in bizarrer Schönheit. Sie schüttelt ihre gesammelten Erinnerungen im Wind. Und ihre Blätter erzählen. Auch meine Jahresringe kann ich nicht mit den ihrigen vergleichen, sie ist mir in allem über. Tiefe Furchen, strukturierte Rinde, ausladende Äste, zum Himmel gestreckte Arme/ Äste, gedreht und gewunden hat sie sich, tanzendes Wachsen seit etwa 150 Jahren. Sie ist eigenwillig, hart im Holz, härter als die Eiche, und sie ist unnachahmlich in der Erfindung von neuen Figuren. Ihr Zustand wird als vital bezeichnet. Wie klein und vergänglich fühle ich mich neben ihr. Sie ist eine magisch-runzelige Schönheit, der man das Alter nicht übel nimmt, die man beneidet für ihr stummes Zusehen und Schweigen der letzten 150 Jahre. Die Störche hat das alles nicht berührt, sie sind Jarkvitz treu geblieben.

Das Dorf Groß Stresow, Ort der Pommernschlacht im November 1715, als die Preußen unter Friedrich Wilhelm dem Ersten, gemeinsame Sache mit den Dänen machten, um die Schweden von der Insel zu vertreiben. Dank eines Verräters aus dem Dorf gelang ihnen die Anlandung.

Groß Stresow hat heute ein neu errichtetes Verräterhaus, gebaut auf den Resten eines alten Rauchkatens, eine wiederaufgestellte Preußensäule und die beschädigte Statue des Preußen-Königs, zu finden auf der Wiese am Verräterhaus.

Das erstaunt erst einmal jeden Besucher, der nicht den historischen Hintergrund kennt. Wenn man erfährt, dass beide Könige, der dänische und der preußische, während der Schlacht anwesend waren, kommt man nicht umhin, zu glauben, ein wenig den royalen Hauch von damals zu spüren. Groß Stresow zeigt sich weltoffen, ermuntert zum Aufbruch. Der Wegweiser Richtung Ortsausgang zeigt Möglichkeiten außerhalb des Dorfes: Rio, Helsinki, Sydney, Bad Münstereifel, Kapstadt, Paris und Oslo.

Preetz, ein romantisch anmutendes Dorf mit uralten Bauernhäusern, die äußerlich ihre Ursprünglichkeit nicht eingebüßt haben. Hügelig und versteckt, nur einen Steinwurf vom stark frequentierten Seedorf entfernt. Es gibt Orte, Moritzdorf mit der Erhebung Moritzburg, an denen Besucher einen grandiosen Blick auf Reddevitzer Höft und die Having geschenkt bekommen. Von hier aus betrachtet, gibt es keinen Zweifel mehr, warum Rügen.

Sicher gehören Preetz, Groß Stresow und Vitt zu den vielen Dörfern, die Erinnerungen und Illusionen einer anderen Zeit vermitteln.

Die gotischen Backsteinkirchen der Insel können Lieblingsorte der Besinnung sein.
Die kleine Kirche in Groß Zicker, das älteste Gebäude der Halbinsel Mönchgut, lichtdurchflutet, schlicht, ohne Pompöses. Die älteste Glocke auf Rügen und der etwa 500 Jahre alte Sakrament-Schrein aus einem Eichenstamm geschlagen, dazu die wieder eingesetzten bunten Fensterscheiben, die bis 2009 eingelagert waren, lassen staunen. Der Ort ist seit der Wende gewachsen, spiegelt das Bedürfnis vieler Menschen, hier wohnen zu wollen.

Rügen hat heute etwas Ambivalentes. Wiederentstandene Gutshäuser, renovierte Kirchen, bunte Bauernkaten und ausgewiesene Naturschutzgebiete, aber auch das steigende Verkehrsaufkommen, eine Fülle von Besuchern, der wachsende Bauboom, ausgetrampelte Pfade und flüchtige Begegnungen. Es gab im und kurz nach Kriegsende eine Flut von Menschen, eine Verdoppelung der Einwohner, durch Evakuierte, Vertriebene, gestrandete Flüchtlinge. Die Insel hat es ausgehalten und davon profitiert. Seit der Wende gibt es wieder Zuzug. Visionäre, Neugierige, Spekulanten und Menschen mit Pioniergeist. Die Insel wird es richten.

Autorin: Iris Bleeck

Mehr über Iris Bleeck und ihr Buch „Vertrieben ins Paradies“ in unserem Blog.


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