Adventskalender 16. Dezember 2014: Auf Tuchfühlung mit dem Mittelalter


Berichte von Einheimischen.

Das wertvolle mittelalterliche Rückenbanktuch der Bergener Marienkirche wurde im Jahre 2008 erstmals der Öffentlichkeit gezeigt. Über 100 Rüganer und Gäste haben sich damals diesen Schatz angesehen:

Andächtige Stille im Pfarrhaus, als der Küster Norbert Rösler und der Restaurator Andreas Weiß das etwa 82 Zentimeter breite und 2,40 Meter lange Leinentuch auf einem Tisch ausrollten, das sogenannte Rückenbanktuch des einstigen Zisterzienserinnenklosters zu Bergen. Die Farben der Stickereien aus dem 14. Jahrhundert sind nur noch zu erahnen.

Unschätzbar ist der Wert dieses Stückes,
denn Textilien aus der Zeit der Minne sind rar. Im Sakristeiverzeichnis von 1632 sind verschiedene bestickte Tücher als altes Eigentum der Kirche Sankt Marien aufgeführt, hat Sarah Romeyke in einer wissenschaftlichen Arbeit zu diesem Schatz herausgefunden. Und sie zitiert den Eintrag: „An Duechern vive midt jolde und Side gesticket, so Ilseke von der Lanken geben. 1 Duch mit ferueder Side geneiget, so Maria von Platen geben.“

Mittelalterliche Minne- und Kampfszenen sind zu erkennen auf diesem „ikonografisch schwierigen Tuch“, wie Christian Hecht in einer Buchrezension schrieb. Zu sehen sind Reiter, Jäger, Minnesänger, eine Königin mit Lilienkrone.

Eine Zeitreise in die Vergangenheit, Jahrhunderte zurück.

Solche Bilder kennen wir aus jener Epoche, als Walther von der Vogelweide und der Rügenfürst Witzlaw III. mit ihrem Minnesang so manches Frauenherz betörten. Möglicherweise handelt es sich um „Illustrationen“ zu einer literarischen Vorlage. Ein Besucher bezeichnete es gar als Mittelalter-Comic.

Man ist sich einig: Bevor dieses herausragende Objekt ausgestellt werden kann, ist eine aufwändige Restaurierung notwendig. Das Material muss gefestigt werden, auch Schadstellen sind zu beseitigen. . .

Das ist längst Geschichte: Der Archivausschuss der Evangelischen Kirchengemeinde St. Marien in Bergen auf Rügen hat im Sommer 2011 mit Beschluss des Kirchengemeinderates die Möglichkeit erhalten, die Restaurierung und Konservierung des Tuches ausführen zu lassen. Im Stadtmuseum im Bergener Klosterhof ist das Tuch nun in alter, neuer Pracht zu sehen. Und in einer neuen Broschüre wird die Geschichte dieses Schatzes beleuchtet – vom Beginn des Fürstentums Rügen bis in die Gegenwart. Eine Autorin befasst sich darin mit der technischen Analyse, dem Erhaltungszustand und der Konservierung. Sie fand heraus, dass 23 unterschiedliche Stickmuster angewandt wurden, ausgeführt mit honigfarbenem Seidenfaden. Und zwei Experten analysieren die Bilder, die vom tapferen Ritter Willehalm und der schönen Königstochter Amelie erzählen sollen. Doch selbst 80 Jahre nach Beginn der Forschung zum Bergener Tuch hat dieses Stück Leinen mit seinen 12 Medaillons noch nicht alle Geheimnisse offenbart. Auch darin liegt dessen besonderer Reiz.

Warum das bestickte Leinen Rückenbanktuch heißt?
Die Experten gehen davon aus, dass es sich um ein Tuch handelt, das die Rückseite einer Ehrenloge einst geschmückt hat. Möglicherweise wurde es von einer in das Kloster eintretenden Nonne als „Aussteuer“ übergeben.

Die Broschüre „Das bestickte Leinentuch aus dem Zisterzienserinnenkloster Bergen auf Rügen“ gibt es in der Touristinfo im Benedix-Haus am Markt und im Stadtmuseum Bergen.

 

www.stadt-bergen-auf-ruegen.de/museum


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