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Vor fünf Jahren feierte „Das Kahnweib“ im Theater Stralsund Premiere. Das niederdeutsche Stück nach einem Roman von Gerhard Dallmann wurde von der „Plattdütsch Späldäl to Stralsund“ uraufgeführt – mit mehr als 100 Mitwirkenden, unter anderem mit dem Jugendblasorchester Grimmen, der Tanzgruppe „Schüddeldebüx“ und dem Stralsunder Kinder- und Jugendcircus Ostsee„O“lini. Auch im September 2014 wurde es im Theater gezeigt, als Co-Produktion mit den Darß-Festspielen und der „Plattdütsch Späldäl“.

Erzählt wird die facettenreiche, packende und zu Herzen gehende Geschichte der Schifferfrau Berta Giese, geborene Looks, die von 1903 bis 1975 am Greifswalder Bodden lebte. Ihre Geschichte, die vor dem Hintergrund wirtschaftlicher, politischer und religiöser Ereignisse in den Jahren von 1913 bis 1944 beleuchtet wird, erfährt in der niederdeutschen Fassung eine weitere Würdigung. Aufgeschrieben wurde Berta Gieses Lebensgeschichte bereits 1977 vom Greifswalder Pfarrer und Schriftsteller Gerhard Dallmann. 30 Jahre später ist das 470 Seiten starke Pommerngemälde bereits in fünfter Auflage erschienen.

Ich habe den Autor vor nunmehr fünf Jahren besucht und folgende Eindrücke notiert:

Seine 82 Jahre sieht man dem Pfarrer im Ruhestand kaum an. Gerhard Dallmanns Augen leuchten, wenn er spricht. Und er strahlt, wenn er an die bevorstehende Premiere denkt. Als der Autor vor zwei Jahren vom Theater angesprochen wurde, ob die „Späldäl“ aus dem Roman ein Bühnenstück machen könne, hat er einfach nur gesagt: „Macht mal.“ Wie sein Roman umgesetzt wird, weiß er noch nicht. Nur eine Probe hat er gesehen. Neugierig ist er darauf, wie der Dramaturg Robert Uwe Laux seinen Text adaptiert hat, wie die Platt-Übersetzung von Karl Peplow klingt und wie der Regisseur Holger Schulze das „Kahnwief“ und ihre Protagonisten in Szene setzt.

Als Pastor hat Gerhard Dallmann das Kahnweib Berta Giese beerdigt und als Schriftsteller das „Kahnweib“ unsterblich gemacht. Seine Quellen waren die Erzählungen ihrer Tochter und Tagebuchaufzeichnungen, die er von Bertas Onkel Karl Kliesow aus Groß Zicker bekam. Gespickt mit historisch belegten Ereignissen und maritimen Details ist dieses Buch ein Spiegel jener Zeit. Die Kirche spielt eine große Rolle in seinem Werk. „In Wieck war es so, dass der Pastor, mein Vorvorgänger, etwas zu sagen hatte im Dorf. Sein Wort war Gesetz, doch Berta Giese hat sich nicht alles gefallen lassen.“

Sie war eine Spökenkiekerin, eine heiter-fromme Frau, deren Leben aber auch geprägt war durch den frühen Verlust ihrer Eltern, durch ihre erste große Liebe, durch spätere Schicksalsschläge. All das hat Gerhard Dallmann in lebendiger Sprache festgehalten.

Gerhard Dallmann wurde 1926 in Stettin geboren und 1943 zum Militärdienst einberufen. Er desertierte, geriet in Gefangenschaft, war nach dem Krieg Krankenpfleger, später Diakon in der kirchlichen Jugendarbeit und Pastor in Pommern, mehr als 20 Jahre Pfarrer in Wieck bei Greifswald. Er ist verheiratet, Vater von drei Kindern, Großvater von sieben Enkeln. Mit kleinen Geschichten für die Kirchenzeitung begann seine Schriftstellerei vor vielen Jahren. Mittlerweile stammen etliche Bücher mit autobiografischen Zügen, auch Kinderbücher und humorvolle Geschichten aus seiner Feder. Gerhard Dallmann schreibt tatsächlich noch mit Füllfederhalter, weil es für seine alte Schreibmaschine heute keine Farbbänder mehr gibt.

Sein Buch hat kein Happy End.

Alles geht zu Bruch. Das fiel vor Jahren auch Dallmanns Sohn auf. „Papa, du hast mit dem Ende des Buches deine ganze Aussichtslosigkeit in der DDR zum Ausdruck gebracht“, erinnert sich der Schriftsteller an dessen Worte.

Foto: Holger Vonberg

„Das Kahnweib“ von Gerhard Dallmann kostet 19,95 Euro.
Gebundene Ausgabe: 470 Seiten
Verlag: Husum Druck- und Verlagsgesellschaft (9. August 2007)
ISBN-10: 3898763471
ISBN-13: 978-3898763479

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Holger Vonberg

Holger Vonberg ist gebürtiger und bekennender Rüganer. Sein Berufswunsch als Zweijähriger: „Urlauber Baabe“. Das hat nicht ganz geklappt. Ab 1991 war er als Journalist u. a. für den NDR, die OZ und den „Urlaubs-Lotsen“ auf der Insel unterwegs. Jetzt gehört er als Inselexperte zur festen Besatzung der Tourismuszentrale Rügen. Er lebt mit seiner Frau auf Wittow und hat zwei erwachsene Kinder.

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