Fischermann mit Liew un Seel


Holger Vonberg ist gebürtiger und bekennender Rüganer. Sein Berufswunsch als Zweijähriger: „Urlauber Baabe“. Das hat nicht ganz geklappt. Ab 1991 war er als Journalist u. a. für den NDR, die OZ und den „Urlaubs-Lotsen“ auf der Insel unterwegs. Bis März... mehr

Die Kultbarden „Torfrock“ haben ihn besungen, Rollo, den Wikinger, einen raubeinigen, rothaarigen Wikingerhäuptling, der angeblich an der „Überfahrt nach Amerika“ führend beteiligt gewesen sein soll. Rollo sitzt mir gegenüber, in Bergen-Süd. Jener Rollo, der von Rügen aus an großen Fischzügen vor Island, Spitzbergen und Norwegen beteiligt war – als 2. und 1. Offizier auf Frosttrawlern im Auftrag der Hochseefischerei der DDR. Er ist grauhaarig, vollbärtig, stämmig, sympathisch. Sein richtiger Name: Herbert Hinkelmann, mit seinen 70 Jahren noch immer ein Kerl wie ein Schrank – mit einem Händedruck wie ein Schraubstock.

Diese Hände können zupacken,
konnten ein Schiff durch die stärksten Stürme steuern, Netze einholen, auf den Tisch hauen. Und sie können auch den Computer bedienen. Auf dem hat Herbert Hinkelmann die „Erinnerungen an min Fohrenstied“ aufgeschrieben, denn er war „Fischermann mit Liew un Seel“, so der Buchtitel.

Schon das Coverbild verrät, dass seine Zeit auf See kein Zuckerschlecken war. Auf dem Foto: ein Fang- und Verarbeitungsschiff, das tief in eine Welle taucht, ein richtiger Kaventsmann.

„Am Schönsten war es, wenn die Netze zum Bersten voll an Bord gehievt wurden “, erinnert sich der Seemann und blättert in dem Buch. Dass er mit seinen Pranken und einer Pinzette auch mal einen Drahtrest aus dem Augapfel seines zweiten Maschinisten ziehen musste und wusste, was bei einer vereiterten Hand oder einer Blinddarmentzündung weitab von der nächsten Klinik zu tun war, erzählt er auch in seinem Buch.

Manchmal, vielleicht auch öfter, widmete er Rollo, dem echten Wikinger, einen Trinkspruch. Das brachte ihm schließlich den Spitznamen Rollo ein.

„Ich würde wieder Hochseefischer werden“,
sagt er ein bisschen wehmütig, weil er schon seit Jahren nicht nur aus Altersgründen, sondern wegen der Gesundheit an Land bleiben muss. Auch deshalb hat sich der Fischer im Fernsehen die Serie mit jenen Seemännern angesehen, die den gefährlichsten Job Alaskas haben. „Wir waren zwar nicht wie sie auf Krabbenjagd. Unser Fang war unter anderem Rotbarsch, Hering, Schwarzer Heilbutt und Kabeljau, der meist in den Export ging. Aber die Situation auf See war recht ähnlich – hohe Wellen, kaltes Salzwasser, wochenlang ohne Land in Sicht, manchmal Minus 25 Grad vor Spitzbergen und mächtig viel Eis an Bord.“

Als sie zum Beispiel nach dem Proviantbunkern aus Malmö in Richtung Nordsee ausliefen, kamen sie in eine wahre Eiswüste. Herbert Hinkelmann liest mit rauer Stimme:

„Dat Spill güng von vör´n los.
Stäken bliewen, tröch, mit voll Speed wedder vorüt, solang, bät nix miehr güng.“ Oder in der Aalandsee: „Dor wier dat all so kolt, dat man de Poten in`n Moors stecken künn.“

Platt klingt gut. Herbert Hinkelmann hat das Buch, wie man unschwer an diesen Zeilen erkennen kann, ganz und gar auf Platt verfasst, in seiner Muttersprache, für die es keinen Duden gibt. „Jeder schnackt eben ein anderes Platt, ich das aus Wiek. Dort wurde ich auch geboren. Und ich habe alles so aufgeschrieben, wie mir der Schnabel gewachsen ist.“

Er weiß, hinter einem starken Mann steht immer eine starke Frau. Sein Zuhause, sein Basislager, sein Hinterland war immer in Bergen auf Rügen, und dafür ist er seiner Frau Ilona sehr dankbar, die ihm den Rücken freigehalten und die beiden Söhne auf den richtigen Weg gebracht hat.

Mir hat das Lesen seiner Seemannsgeschichten großen Spaß bereitet, denn ich verstehe „een lütt bedden Platt“. Manchmal musste ich überlegen, weil der Satzbau oft ein bisschen anders ist, aber auch viele Redewendungen erschließen sich von selbst. Klar, dass ihn „Mutter Griepsch“ (die Hebamme) auf die Welt geholt hat. Und „Schietbüdel“ klingt auf Platt besser als auf Hochdeutsch.

Die Erinnerungen von Herbert Hinkelmann sind ein bedeutendes Stück Zeitgeschichte der DDR und schlagen einen Bogen vom Neuanfang der Fischerei nach dem Zweiten Weltkrieg bis zur Wende.

„As de Sozialismus tausamen braken wier
un all unse Schepen verköfft wiern, dor stünn wi in´n Rägen. Kein ein wüßt so recht, wo wi hen sülln. So wat kennten wi nich. Ick versöchte nu mit aller Gewalt, ein´n niegen Job tau finn. . .“ Zwei Seiten später endet das Buch.

Die Nachwendegeschichte, sein Neustart als Geschäftsführer der Fischereigenossenschaft, der viermonatige Job auf dem Kümo „Marlene“, seine Erfahrungen mit der holländischen Fischerei und seine Angst um die Zukunft der Kutter- und Küstenfischer – all das hätte das Zeug zu einem weiteren Buch, das sich wahrscheinlich nicht so leicht und unterhaltsam lesen würde wie „Fischermann mit Liew un Seel“.

Am 10. November feiert Herbert Hinkelmann seinen 70. Geburtstag. „Herzlichen Glückwunsch“, sagen die Inselexperten.

 

Das Buch ist im Online-Verlag Jörg Bruchwitz erschienen, hat 246 Seiten, ist mit Fotos aus seinem Archiv bebildert und kostet 24,90 Euro.

ISBN 978-3-939531-62-3

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