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„Alle, die mit uns auf Kaperfahrt fahren, müssen Männer mit Bärten sein. . .“

Wenn Gerald Malaschnitschenko, von allen nur Maschi genannt, dieses Lied anstimmt, dann ist Stimmung im Saal. Oder im Bus, wie am 11. Oktober 2014, als er zum ersten Rügener Bärtetreffen eingeladen hatte. Das war unsere nunmehr dritte Begegnung.

Zum ersten Mal sind wir uns 2006 über den Weg gelaufen.
Wie Egon Olsen aus der berühmten dänischen Kinoserie hatte auch Maschi damals einen Plan. Einen außergewöhnlichen. Einen genialen. „Mächtig gewaltig, Maschi“, hätte Komplize Benny aus dem Kultfilm gesagt. Oder: „Hut ab!“

Denn er hat es tatsächlich gemacht: seinen Rucksack gepackt und sich als Passagier in einen Linienbus gesetzt. Er hat 175 Euro bezahlt und ist 3000 Kilometer in Richtung Osten gefahren. Nach Russland. Auf Spurensuche. Auf der Suche nach seinen Wurzeln.

„Ein Berufskraftfahrer fliegt nicht“,
sagte der damals 53-jährige Gerald Malaschnitschenko, der vollbärtig, grauhaarig, energisch und herzlich auch gut und gern als Kapitän durchgehen würde.

Anfang Oktober 2006: Gerald, 53 Jahre alt, sitzt im Linienbus nach Krasnodar. „Ich hätte gern selbst den Bus gelenkt, aber darauf hat sich das Reiseunternehmen nicht eingelassen. . .“ Wie im Film zieht die weite Landschaft an ihm vorbei. Zeit zum Nachdenken. Sein Großvater, soweit war bekannt, wuchs auf in der Region Kuban unweit vom Schwarzen Meer. Ein Kosak. Großmutter war Deutsch-Jugoslawin. Das wusste Maschi von seinen Eltern, mit denen er in Thüringen lebte, bevor er in den Norden, nach Rügen, zog. Bei den gemütlichen Familienfeiern der Insel-Malaschnitschenkos wurden immer wieder die Fragen laut: „Wo und wie lebten unsere Vorfahren? Gibt es noch Verwandte in Russland? Und wenn ja?

Sind wir uns fremd oder ähnlich?“
Der Bus holpert über die mehr oder weniger gut ausgebauten Fernstraßen. Stundenlang. Tagelang, erst durch Polen, dann durch die Ukraine. Kiew, Donezk. Nach Südrussland, Rostow, Richtung Sotschi. Nicht nur einmal wird eine Sammel-Mütze durch den Bus gereicht. So geht die Zoll- und Grenzabfertigung schneller. Die Mitreisenden kennen das. Fast alle sind Russen.

Gerald Malaschnitschenko sitzt da in seinem schwarz-weiß gestreiften T-Shirt. Und in Sandalen. In der Beintasche seiner Hose: ein grünes, schon leicht vergilbtes Schulheft aus der Unterstufe – aus DDR-Zeiten. Sein noch leeres Tagebuch, das er in letzter Sekunde vor der Abfahrt eingesteckt hatte. Ein paar Vokabeln hat sich der Rüganer aufgeschrieben. Und einen Truck aufgemalt: „Damit ich zeigen kann, was ich so mache.“ Im Sommer fährt er Linienbus auf Rügen, im Winter im Fernverkehr mit einem Lastzug durch Skandinavien. Die Skizzen sind Verständigungshilfen. Denn sein Russisch ist so perfekt wie das von Rolf Herricht, der in dem DEFA-Film „Meine Freundin Sybille“ als Reiseleiter-Ersatz einspringen musste und nur eines wusste:

„Это лампа heißt: alles wird gut.“
Ob alles gut wird? Maschi ist optimistisch. Hat er doch aus dem Archiv von Primorsko ein Schreiben bekommen. Darin hatte ein Natschalnik mit Dienstsiegel und Unterschrift bestätigt, dass hier im Jahre 1900 ein gewisser Moloschnitschenko geboren wurde. Ein Kuban-Kosak, der im Zweiten Weltkrieg bis nach Jugoslawien kam, dort seine Frau kennen gelernt und geheiratet hat. Zum Kriegsende musste sie mit ihren drei Kindern flüchten, ging in die sowjetische Besatzungszone.

So kam Maschis Vater nach Thüringen. Großvater blieb aus Angst vor der Rache der Russen in Österreich. Viele Kosaken hatten mit den Deutschen gegen die Russen gekämpft. Die Wege der Großeltern trennten sich für immer. Im österreichischen Villach hat Gerald Malaschnitschenko das Grab seines Großvaters gefunden. Das war Mitte der 80er Jahre, als der Rüganer für Deutrans im internationalen Fernverkehr unterwegs war.

Endstation Krasnodar. Noch 160 Kilometer bis Primorsko-Achtarsk.
Maschi will sich ein Fahrrad kaufen, um dort hin zu kommen. Ein Mitreisender, ein Pfarrer, rät ihm davon ab. „Das überlebst du nicht – bei den Straßen und den Fahrern.“ Gerald kann auf dem Sofa im Pfarrhaus schlafen. Mit einem Taxi geht es am nächsten Tag weiter.

Ein Polizist und eine Lehrerin helfen ihm in Primorsko-Achtarsk. Der Uniformierte, indem er heimlich zwei Adressen von möglichen Verwandten über den Tresen schiebt. Und die Lehrerin, die er vor dem Kriegerdenkmal am Strand trifft, wo sie den Kindern ihrer Klasse alte Stadtbilder zeigt und etwas zur Geschichte der Kosaken erzählt.

Gerald gibt ihr den Brief aus dem Archiv. Sie begleitet den bärtigen Rüganer zu seinen Angehörigen und hilft beim Dolmetschen. Erst lernt er eine 83-jährige Babuschka aus der Familie kennen. Einen Tag danach Georgi, den Enkel des Bruders seines Großvaters. 53 Jahre alt und Kraftfahrer wie Gerald. Und auch so temperamentvoll.

Mit offenen Armen haben ihn die russischen Moloschnitschenkos empfangen.

„Es war, als würden wir uns schon eine Ewigkeit kennen.“
Mit Georgi steht er Familiengrab in Primorsko. Am darauf folgenden Tag bringt ihn die Lehrerein zu weiteren Verwandten. Die Einrichtung karg, die Gastfreundschaft überwältigend. Es wird aufgetischt, was die Speisekammer hergibt. Es werden Familienalben gezeigt. Geschenke überreicht. Dann heißt es schon wieder, Abschied zu nehmen.

Im Rucksack von Gerald Malaschnitschenko: Verpflegung für die lange Rückreise mit dem Linienbus und das kleine, zerknitterte Schreibheft aus der Unterstufe. Leicht vergilbt, aber gefüllt mit Erinnerungen an den Besuch bei seinen Verwandten. Auch eine Begegnung im Stadtbus von Krasnodar hat er festgehalten, als ein Kriegsveteran den bärtigen Rüganer in seinem schwarz-weiß-gestreiften T-Shirt ansprach: „Du Matros?“ Gerald nickte. Auf der Ziehharmonika spielte der Mann ihm ein Seemannslied. Gerald applaudierte und zog seine Mundharmonika aus der Tasche.

„Wo de Ostseewellen trecken an den Strand…“
Beifall von allen Fahrgästen. „Ich hatte Gänsehaut pur“, gesteht Maschi.

Erinnerungen: Der Polizist aus Primorsko hat jetzt eine Rügenkarte. Und auch den Taxifahrer aus Krasnodar wird der Rüganer nicht vergessen. Als der erfuhr, dass Gerald aus der ehemaligen DDR kommt, stimmte der Russe ein Kinderlied an. „Kleine, weiße Friedenstaube“ – in gebrochenem Deutsch. Und noch etwas hat Gerald Malaschnitschenko mit nach Hause gebracht: eine Handvoll Erde und Steine aus Primorsko. Heimaterde, die er dem Großvater in Villach auf das Grab legen wird. So ist es Brauch bei den Kosaken.

Eine Reise in die Vergangenheit – für nur 175 Euro. Für Gerald Malaschnitschenko zehn Tage von unschätzbarem Wert. . .

„Germanski Kosak“
2009: Maschi ist wieder unterwegs. Irgendwo auf einer Landstraße zwischen Primorsko-Achtarsk am Asowschem Meer und Berlin: Ein Reisebus ruckelt müde Passagiere in den Schlaf, durch Schlaglöcher und die Nacht. Doch „Maschi“ ist hellwach. „Wo willst du hin“, hatten ihn einige Mitreisende Mitte Oktober 2009 auf der 3000 Kilometer langen Fahr gen Osten gefragt. „Was hat du erlebt?“, wollen sie jetzt auf der Rückfahrt von diesem merkwürdigen Deutschen wissen. Der vollbärtige Grauschopf sitzt im schwarz-weiß-gestreiften Matrosenhemd und barfuß in Sandalen neben ihnen.

Es sprudelt aus ihm heraus: dass er seine Großcousins Georgi, Andrej und Jewgeni und deren Familien besucht und sich bei ihnen wie zu Hause gefühlt hat, dass sein kleiner Großneffe Bogdan (13) an der Kosaken-Kadettenschule vereidigt wurde und Maschi das sogar miterleben durfte, rein zufällig. „Aber zu diesem militärischen Zeremoniell musste ich meine Socken anziehen.

Dann stand ich plötzlich allein vor Bogdans Klasse.
  Der Lehrer hatte wohl noch zu tun. Da habe ich den Jungs eben von meiner Insel erzählt und von meinem Großvater, der in Primorsko aufgewachsen ist. Ich habe ihnen auch Bilder aus dessen Kosakenzeit gezeigt. Zum Ende standen alle staunend um mich herum. Germanski Kosak hat schließlich einer zu mir gesagt.“

Maschis mageres Russisch aus der Schule wird verstanden im Bus. Seine Gesten, sein Lachen und seine Muttersprache wissen die mitreisenden Russlanddeutschen zu deuten. „Wie oft ich hier Gänsehaut und Tränen vor Glück in den Augen hatte? Keine Ahnung.“ Überrascht sei er gewesen, dass sich das regionale russische Fernsehen für ihn interessiert hat und dass seine jüngsten Verwandten seinen Kindern ähnelten, als die noch klein waren.

Von Jewgeni erzählt er, der zu den Tausenden Militärs gehört hat, die nach der Wende mit ihren Truppen aus der zerbröckelten DDR über Sassnitz-Mukran abgezogen sind. Abgezogen in die Heimat, die sich einst Sowjetunion nannte und die es so auch nicht mehr gab.

Vielleicht sind Jewgeni und ich uns ja in der DDR begegnet.
„Damals wusste ich aber noch nichts von meinen Verwandten im Osten.“ Dann holt Maschi seine Mundharmonika aus der Westentasche und spielt. „13 Mann und ein Kapitän“, sein Lieblingslied.

Irgendwo auf einer Landstraße zwischen Asowschem Meer und Berlin. Im Bus ist es still geworden. Auch Maschi wurde in den Schlaf geruckelt. Er träumt von seiner nächsten Tour. . .

 

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Holger Vonberg

Holger Vonberg ist gebürtiger und bekennender Rüganer. Sein Berufswunsch als Zweijähriger: „Urlauber Baabe“. Das hat nicht ganz geklappt. Ab 1991 war er als Journalist u. a. für den NDR, die OZ und den „Urlaubs-Lotsen“ auf der Insel unterwegs. Jetzt gehört er als Inselexperte zur festen Besatzung der Tourismuszentrale Rügen. Er lebt mit seiner Frau auf Wittow und hat zwei erwachsene Kinder.

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