Friedemann: Sänger – Herztier – Rügen


Holger Vonberg ist gebürtiger und bekennender Rüganer. Sein Berufswunsch als Zweijähriger: „Urlauber Baabe“. Das hat nicht ganz geklappt. Ab 1991 war er als Journalist u. a. für den NDR, die OZ und den „Urlaubs-Lotsen“ auf der Insel unterwegs. Bis März... mehr

Ich pass hier nirgendwo so richtig rein. Steh meistens am Rand oder draußen. Sollte das mein Schicksal sein, dann seh ich ihm lachend entgegen“, singt Friedemann Hinz auf seiner CD „Uhr vs. Zeit“, die im Frühjahr 2014 erschienen ist. Friedemann ist 39 Jahre alt, gebürtiger Rüganer, Gründer von COR, einer international gefeierten Hardcore-Punk- und inzwischen auch Kultband. Tattoos sind sein Markenzeichen, sein Körper – ein wohl nie fertig werdendes Gesamtkunstwerk. „Attitüde zählt“, steht in großen Lettern über seiner linken Schläfe. „Meine Frau ist eine Spitzentätowiererin“, sagt er. „Wir leben davon.“

Der gelernte Maurer kümmert sich um Haus und Hof, um den Acker und die Tiere. Und um die Musik. „Snack platt orrer stirb“ hieß eine CD, die er mit COR zum zehnjährigen Band-Jubiläum vor zwei Jahren aufgenommen hat.

 

„Ich bin ein Heimatmensch. Rügen ist hier drin.“
  Mit der Faust klopft er auf sein Herz. „Und Platt ist eine schöne Sprache.“ An seine Plattdeutschlehrerin Basedow aus Buschvitz erinnert er sich gern. „Sie konnte umgehen mit meiner Wildheit. Und mit dieser CD wollten wir eine Ansage an die jüngere Generation machen: Werft nicht alle Traditionen über Bord. Weißt du, Traditionen stiften Identität.“

Friedemann Hinz wurde in Bergen geboren, ist einer von drei Söhnen der angesehenen Kürschnerfamilie Hinz. Aufgewachsen in einem christlichen und dem DDR-System nicht angepassten Elternhaus, erzogen als Freidenker. „Meine Eltern haben immer akzeptiert, was ich mache.“ Natürlich wurde er von der Mutter gefragt, ob dieses Anderssein auch richtig sei.

 

„Doch wer kann schon entscheiden, was richtig ist?“
  Wer Friedemann mit Band live erlebt oder auf Konzertvideos sieht und hört, der mag nicht glauben, dass dieser Mann auch seine ruhigen Seiten und Saiten hat. Auf „Uhr vs. Zeit“ legt er sie offen. In dem Song „Daneben“ beispielsweise, in einem Lied über die Liebe, über das große Glück, gemeinsam durch ein eigenwilliges Leben zu gehen.

Mit seiner „kleinen Bande“, mit seiner Frau Susan und der lütten, rothaarigen Lenore (3) wohnt er in einem verträumten Dorf am Kleinen Jasmunder Bodden, nur einige hundert Meter von der Urlaubermagistrale entfernt, die zum größten Ostseebad der Insel führt. Während Lenore auf dem von ihm gezimmerten Holzpferd reitet, pflückt er eine reife, süße Weintraube vom Rebstock. Bis zum Kirchturm von Bergen schweift Friedemanns Blick über die hügeligen Felder. Doch seine Gedanken gehen viel weiter. Gedanken über Alleebäume, die der Säge und dem Straßenbau zum Opfer fallen, über Landwirte, die Monokultur betreiben und Felder überdüngen, um nachwachsende Energieträger zu produzieren, über die Flüchtlinge aus Afrika, die auf der Suche nach einem neuen Leben im Mittelmeer den Tod finden. . .

All das verarbeitet er auch in seinen Liedern. Gern hätte er den Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass bei der Lesung in Altenkirchen erlebt. „Ich schätze ihn sehr, weil er kein Blatt vor den Mund nimmt.“

Friedemann glaubt nicht an Wunder. „Aber ich glaube, dass es mehr gibt, als der Mensch sieht und zu verstehen vermag.“ Und er ist der Meinung:

 

Wenn man Gutes tut, dann kommt auch Gutes zurück.
  „Gutes tun“, das ist seine Familie. Das ist aber auch der respektvolle Umgang mit den Tieren. Und das ist seine Haltung gegen ignorante, menschenverachtende Politik, gegen Ausbeutung und Krieg. „Wir dürfen nicht die Augen verschließen, wenn Unrecht auf der Welt passiert. Ich weiß aber auch nicht, ob man Frieden hinkriegt, wenn man sich nicht einmischt“, sagt Friedemann.

Was hat er anfangs noch mal gesungen? „Ich pass hier nirgendwo so richtig rein?“ Wenn es um Schubladen geht, mag es vielleicht stimmen. Im Leben hat er seinen Platz längst gefunden. Und auf Rügen sowieso.

 

Im November startet Friedemann Hinz übrigens mit Conny Ochs und Kristian Harting zu einer Europatournee, die sie unter anderem in die Schweiz, nach Österreich, Dänemark und die Tschechische Republik führt. „Friedemann Solo“ ist live am 19. September in Greifswald, am 20. 9. in Berlin, am 10. 10. in Lübeck und am 11. 10. in Güstrow zu erleben.

Fotos: Holger Vonberg, Christian Thiele

http://www.friedemann-ruegen.de/musik/

 Musikvideo „Nichts können, alles machen“

 

 

 


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