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Die Badelust im Wandel: Hans Knospe lichtete mehr als 80 Jahre lang Urlauber auf Rügens Stränden ab.

Man muss sich das so vorstellen: In den Strandkörben hecheln die Vermummten, gepresst ins Textile, sommerlich leicht zwar, doch alles verhüllend, was Fleisch, was Haut. Es sind die Zwanziger des letzten Jahrhunderts, eine rigide Moral zwingt in die absolut Unfreie Körperkultur.
Plötzlich öffnet sich die Tür einer blickdichten Umzäunung, in die Öffentlichkeit marschiert der Skandal: schamlos enthüllte Badegäste, ihre Wäsche deckt kaum den Körper. Denn man sieht Waden – nackt, Arme – nackt, selbst nackte Schultern hier und da. So was ging bis dahin nur hinterm Zaun des Familienbads, im Schutz der Herren- und Damenbäder.

„Die Berliner haben gemeutert“, sagt Andreas Käske, der es von seinem Großvater weiß. „Von nun an badeten alle so.“ Natürlich hat der Opa die Meuterei fotografiert, seinerzeit im Ostseebad Sellin, Insel Rügen. Ein paar hundert Meter Strand, Wasser bis zum Horizont, eine Seebrücke mit breiter Treppe hinauf zum Ort – es war das Revier des Strandfotografen Hans Knospe, über 80 Sommer lang.

Knospes Vater war Inhaber des Selliner Fotoateliers, gegründet 1903. Ein Lichtmaler noch, die Fotografie ein so schwieriges wie schweres Handwerk: mannsgroße Holzgehäuse, bleierne Platten, tückische Chemikalien. Knospe geht dem Vater zur Hand, etwas widerwillig, er wäre gern sein eigener Herr. Zur Aussteuer bekommt er ein paar Ansichtskarten, ein paar Platten, es ist der Grundstock zum eigenen Geschäft. „Mal sehen, ob du arbeiten kannst“, sagt der Vater, kurz nach 1920.

Vor allem arbeitet er anders als der Alte. Dessen Porträts scheinen wie gemauerte Bildnisse: der Patriarch bildfüllend in der Mitte, darum herum die Familie, Beiwerk eher. Der Junior erobert sich von Anfang an den Strand: „Gestatten, Knospe – Fotograf!“ Er stellt wenig, doch wenn er arrangiert, dann sind es Szenen der Lockerheit, der Urlaubsfreude: die beliebten „Strandhochzeiten“, die „Wadenschauen“, die zu Sternen drapierten Leiber.

 

Hans Knospe, geboren 1899, starb im April 1999.
„Käme ich noch einmal auf die Welt, ich würde wieder Fotograf werden“, sagte er stets. Sellins Seebrücke ist neu erstanden, er konnte ihre Wiedereröffnung noch erleben. Es ist seine Brücke, jetzt erst recht: Gebaut wurde sie ausschließlich nach den Fotos von Knospe – Konstruktionspläne nämlich gab es nicht mehr.

„Kaum war er am Strand, zog er eine Meute hinterher“, erinnert sich Tochter Margrit Käske. Knospe – stets ganz in Weiß, zwei Assistenten zur Seite – reihte, ordnete, fotografierte sie. Wenig später bereits stand die Meute vor seiner Ladentür und lauerte aufs Ergebnis.

Es sind die Werke eines Zille des Zelluloids, Dokumente deutschen Strandwesens. Täuscht es oder war man damals fröhlicher, im wahrsten Sinne badelustiger? Oder lag es am knipsenden Entertainer, der seinen guten Schlachtruf zu verteidigen hatte – „Alles jubelt, alles lacht, wenn Knöspchen seine Fotos macht“?

Auf jeden Fall bekam man noch etwas geboten für die Kurtaxe: „Schönheitskongresse“, Tellertauchen, Wettschwimmen, und das fast täglich. Knospe mittendrin, auf der Seebrücke hatte er seine Dunkelkammer, zum Entwickeln und Abziehen brauchte er kaum zwei Stunden. Verkauf nebenan, ebenfalls auf der Seebrücke.

Den vielen Prominenten trägt er die Bilder nach, Ufa-Sternen wie Paul Kemp, Viktor de Kowa, Anny Ondra. Sachsens König Friedrich August will seinen Klick abseits der Menge, mit Sektglas. Actrice Liane Haid beschwert sich über den duzenden Paparazzo, die Stummfilmkomiker Pat und Patachon machen Faxen für ihn. Regisseur Geza von Bolvary will ihn als Standfotografen in Berlin. Knospe lehnt ab: „Ich gebe lieber selbst Befehle, als welche entgegenzunehmen.“ Die Kleinen nach vorn, die Großen nach hinten, Knospe kommandiert weiter am Ostseeufer.

In den dreißiger Jahren schwimmt der Tod an den Strand, noch hat er Urlaub: Hakenkreuze auf U-Booten, auf Kanonenbooten, auf Wasserflugzeugen. Die ondulierten Nixen im Rüschenkleid, die schnauzbärtigen Schwimmer im geringelten Dress, sie lächeln dazu. Auch Knospe ahnt die Tragödie nicht, viel mehr ärgern ihn diese neuartigen Kleinbildkameras, womöglich macht ja jeder bald selbst die Fotos. Und die schweren Stürme beunruhigen ihn, sie setzen seiner Brücke zu.

Doch es braucht noch einige Jahrzehnte DDR, bis das Selliner Wahrzeichen tatsächlich zusammenfällt. Knospe dokumentiert den schleichenden Verfall, „unter Tränen“, auch jenen des lustigen Strandlebens: Man badet, ansonsten brät man in der tapfer verbellten Sandburg. Höhepunkt des Knospe’schen Schaffens jener Zeit sind die Fotos der in Reih und Glied und millimetergenau ausgerichteten Strandkörbe. Befehlshabender Strandwärter ist jetzt ein Exoffizier der NVA.

Hans Knospe wurde sehr alt, noch mit knapp 100 Jahren sah man ihn mit der Kamera, ihm „juckte die Linse“, wie er es selbst kommentierte. Auch „Foto Knospe“ wird nächstes Jahr 100, Tochter und Enkel führten das Geschäft sicher in die Marktwirtschaft. Lukrativer Pfeiler sind Großvaters Motive aus acht Jahrzehnten, am begehrtesten sind die Postkarten mit dem Rügener Badeleben Anno dunnemals.

 Fotos: Hans Knospe / Photohaus Knospe

photohaus-knospe.de

Text: Magazin mare, Jun 2002, No. 32

www.mare.de

 

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CD „Hallo Rügen“ in Sellin begeistert gefeiert
Sonnenuntergänge auf Rügen

Maik Brandenburg

Maik Brandenburg ist als Reporter weltweit unterwegs für Magazine wie Mare, Geo, Merian und Free Man's World. Auch, wenn das Reisen seine Leidenschaft ist: "Am Ende zählt, dass ich stets wieder auf Rügen lande", sagt er. Brandenburg lebt mit seiner Familie in Koldevitz.

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