Wo Generationen von Rüganern schwimmen lernen


Holger Vonberg ist gebürtiger und bekennender Rüganer. Sein Berufswunsch als Zweijähriger: „Urlauber Baabe“. Das hat nicht ganz geklappt. Ab 1991 war er als Journalist u. a. für den NDR, die OZ und den „Urlaubs-Lotsen“ auf der Insel unterwegs. Bis März... mehr

Wenn ich alte Fotos aus dem Schwimmlager Thiessow sehe, bekomme ich immer wieder diesen Duft in die Nase – den Duft von Strohsäcken, auf denen wir gelegen haben, damals, Anfang der 70er Jahre. Den Duft nasser Stoffzelte nach einer Regennacht. Und den Duft frischer Bäckerbrötchen am Morgen. Und da war auch wieder dieser Geschmack des Salzwassers, vermischt mit Zahnpasta, denn die Morgenwäsche inklusive Zahnreinigung erfolgte damals in der Ostsee. Ganz selbstverständlich. Ganz nackt. Die Mädchen 50 Meter links des Strandabgangs, die Jungs 50 Meter rechts (manchmal auch weniger). Denn 100 Meter sind viel zu weit für verstohlene Blicke.

„Wer in der Ostsee das Schwimmen lernt, der kann es richtig“, klingt mir noch immer in den Ohren. Wie auch das Kommando zum Fahnenappell. Und der Beifall, wenn die kleinen Urkunden für die Schwimmstufen I, II und III übergeben wurden.

Tausende Schüler von Rügen haben in den vergangenen 63 Jahren in Thiessow das Schwimmen gelernt oder sich zum Rettungsschwimmer ausbilden lassen.
Zu DDR-Zeiten immer in den Sommerferien und in drei Durchgängen, die jeweils zwei Wochen dauerten. Teilnahmegebühr: 12 Mark – all inklusive. Mit Nachtwache, Wanderungen, Volleyballturnieren. Inklusiv auch das gruppen- und kübelweise Kartoffelschälen, eine eher ungeliebte Freizeitbeschäftigung. Es sei denn, man schnitzte Kartoffel-Kasperköppe. Aber das durften die resoluten Köchinnen nicht sehen.

Damals wie heute sind es Ehrenamtler von der DLRG, die das Schwimmlager betreuen, zumeist Lehrer, die sich auch in den Ferien um Kinder kümmern, für sie Verantwortung übernehmen und ihnen beibringen, wie man sich am und im Wasser richtig verhält. August 2014: Jörg Wienberg von der DLRG-Ortsgruppe Bergen hat einige Jungs und Mädchen vom Schwimm-Ferien-Camp Thiessow, so heißt das Schwimmlager seit ein paar Jahren, um sich geschart. Die Kinder wollen Rettungsschwimmer werden. Die Erste Hilfe in Theorie und Praxis gehört dazu. Und wie man sich aus Klammergriffen des zu Rettenden befreit. Am Strand mag es vielleicht aussehen wie eine langsame Choreografie. Immer wieder wird geübt, denn dann – unter Wasser, im Training oder im Ernstfall – muss es sehr schnell gehen.

Ein weiterer Ausbildungspunkt: Die Baderegeln. Jörg Wienberg erinnert an viele unvernünftige Badegäste, die bei starkem Wellengang, bei Strömungen und trotz Badeverbots ins Wasser gehen und damit nicht nur sich, sondern auch ihre Retter in große Gefahr bringen. . .

„Freuen würden wir uns über junge Leute, die bei der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft aktiv mitmachen wollen.
Unsere Ausbildung und unsere ehrenamtliche Arbeit ist sehr vielseitig, sehr abwechslungsreich“, weiß Jörg Wienberg. Die Stadt Bergen und die Gemeinde Gingst unterstützen das Projekt. „Der Verein könnte sich vorstellen, dass sich nach den erfolgreichen Finanzierungsmodellen auch andere Städte und Kommunen des Landkreises für ihre Kinder engagieren. In den vergangenen Jahren konnten so rund 13000 Kinder an der Schwimmausbildung teilnehmen“, so Wienberg, der immer auf der Suche nach Sponsoren, Praktikanten und anderen Mitstreitern ist.

Ein Pfiff: Freibaden ist angesagt für die Gruppe von Mattias, also keine Sprungübung vom Ponton, keine Seepferdchenprüfung oder Prüfung für das Deutsche Jugendschwimmabzeichen in Bronze, Silber oder Gold. Jetzt wird im Wasser getobt, geplanscht und getaucht. Und Schlangestehen ist angesagt. Denn Betreuer Lars ist der Riese in der Brandung. Jeder möchte von ihm durch die Luft katapultiert werden und kurze Strecken fliegen.

Wieder ein Pfiff, ein eindeutiges Handzeichen von Mattias. Die Kinder kommen zügig an den Strand, klatschen ab – Hand in Hand mit dem Betreuer. So wird in Thiessow die Vollzähligkeit kontrolliert.

Inzwischen ist die Mittagszeit angerückt. In der Küche vom Kreisschulheim Thiessow – die Ruhe vor dem Sturm. Geschäftsführer Maik Mehler hat mit seinem Team alles im Griff. Seit 1989 leitet er das Kreisschulheim, das ganzjährig geöffnet ist und in beheizten Bungalows eine Kapazität von insgesamt 100 Betten hat. „Wir liegen mitten im Biosphärenreservat Südost-Rügen und sind offen für Klassen- und Vereinsfahrten, für Ferienfreizeiten, Trainingslager und auch Reisegruppen. Das Schwimm-Ferien-Camp ist Stammgast für neun Tage.“

Die Kinder hängen ihre Handtücher neben den Bungalows auf. Schwimmen macht hungrig. „Was gibt’s zum Mittag?“ Das Kartoffelschälen steht heutzutage bei keiner Gruppe mehr auf dem Programm. Auch nicht die Morgenwäsche in der Ostsee. . .

 

P.S.

In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts verloren in Deutschland etwa fünftausend Menschen im Wasser ihr Leben und nur zwei bis drei Prozent der damaligen Bevölkerung konnten schwimmen. Es bedurfte erst eines spektakulären Ereignisses, um den bereits bestehenden Gedanken zur Gründung einer Lebensrettungsgesellschaft in die Tat umzusetzen.

Am 28. Juli 1912, es war ein sonniger Sonntag, brach gegen 19 Uhr die Anlegestelle am Brückenkopf der Seebrücke in Binz auf Rügen. 70 bis 80 Menschen stürzten ins Wasser und 16 Personen, darunter zwei Kinder, ertranken in der Ostsee.

Ein knappes Jahr später, am 5. Juni 1913, veröffentlichte das amtliche Organ des Deutschen Schwimmverbandes, der „Deutsche Schwimmer“, den Aufruf zur Gründung der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft. Am Tag der Einweihung des Völkerschlachtdenkmals, am 19. Oktober 1913, wird im Leipziger Hotel „de prusse“ die DLRG ins Leben gerufen. Zum Ende des Gründungsjahres zählt die junge Organisation 435 Mitglieder, darunter namhafte Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens.

 

Chronik des Schwimmlagers Thiessow:
http://bergen.dlrg.de/schwimm-ferien-camp/geschichte.html

Baderegeln:
DLRG Ortsgruppe Rügen
www.dlrg.de/informieren/regeln/baderegeln.html

 


FEEDBACK

ABO


1 Kommentar