Filigrane Bauwerke wie aus einer anderen Welt


Holger Vonberg ist gebürtiger und bekennender Rüganer. Sein Berufswunsch als Zweijähriger: „Urlauber Baabe“. Das hat nicht ganz geklappt. Ab 1991 war er als Journalist u. a. für den NDR, die OZ und den „Urlaubs-Lotsen“ auf der Insel unterwegs. Bis März... mehr

Am 21. 7. 2014 wäre der Binzer Landbaumeister und Hyparschalenspezialist Ulrich Müther 80 Jahre alt geworden.

Seine filigranen Beton-Bauwerke haben deutsche Architekturgeschichte mitgeschrieben: Der Tee-Pott in Warnemünde trägt Ulrich Müthers Handschrift, die Ostseeperle in Glowe, das trichterförmige Dach der Schwimmhalle im Cliff-Hotel Sellin, das „Ufo in den Dünen“ (der Rettungsturm in Binz), Rad- und Bobbahnen, Planetarien und Kirchen.

Ulrich Müther aus Binz, der Schalenbaumeister der DDR, wäre am 21. Juli 80 Jahre alt geworden. In seiner norddeutschen Bescheidenheit hat er es nicht gern gehört, wenn man ihn als Architekten bezeichnete. „Ich bin in erster Linie Bauingenieur“, hat er immer wieder erklärt, viel lieber noch sagte er von sich, er sei ein Rügener Landbaumeister. Zimmermann hatte der Sohn eines Binzer Architekten und Bauunternehmers zunächst gelernt.

Nach dem Studium an der Ingenieursschule Neustrelitz schloss sich ein mehrjähriges Fernstudium an der Technischen Universität Dresden an.

1958 übernahm Ulrich Müther das familieneigene Bauunternehmen, das 1953 in der „Aktion“ Rose“ enteignet worden war, dann aber durch die Mutter fortgeführt werden konnte. Der Betrieb wurde 1960 Produktionsgenossenschaft (PGH Bau Binz) und 1972 durch Verstaatlichung zum VEB Spezialbetonbau Binz, später – auch unter seiner Leitung – zum VEB Spezialbetonbau Rügen. 1990 wurde die Firma rückübertragen.

Als Ulrich Müther seine ersten Hyparschalen entwickelte und baute, war Georg Giebeler, Jahrgang 1963, gerade erst geboren. Er hatte von 2004 bis 2012 eine Professur an der Hochschule Wismar (Baukonstruktion) und betreute das umfangreiche Müther-Archiv.

Mit seinen doppelt gekrümmten Spritzbetondecken, die sich selbst tragen und aussehen wie aufgeblähte und gefrorene Segel oder gefaltetes Papier, hat sich der Rüganer und Visionär Ulrich Müther einen festen Platz in der Riege der großen deutschen Architekten erarbeitet. Seine Hyparschalen, die hyperbolischen Paraboloide, stehen für die architektonische Moderne „Made in GDR“. Und Felix Candela war eines seiner Vorbilder.

Zur statischen Berechnung dieser Konstruktionen gab es für Ulrich Müther in den 50er und 60er Jahren weder Nachschlagewerke noch Computer. Nur das Fachbuch eines Amerikaners, das Astrid Müther für ihren Mann ins Deutsche übersetzte. Formeln waren seine Welt – Ulrich Müther hatte, wie er sagte, „einfach immer nur Spaß am Rechnen“.

 Nach dem Erfolg seines Unternehmens gefragt, musste Ulrich Müther nie lange überlegen:


 

Ulrich Müther hat viel erreicht in seinem Leben. Doch er musste mit seiner Frau Astrid auch viele Schicksalsschläge verkraften: vor allem den frühen Tod seines erst 28 Jahre alten Sohnes Christian im Jahr des Mauerfalls (siehe auch Christian-Müther-Gedächtnisfahrt auf www.wirsindinsel.de). Später musste Müther für seine GmbH Insolvenz anmelden – und den Abriss einiger seiner Bauwerke miterleben.

 

Müthers Wunsch wurde nicht wahr. Das berühmte Ahornblatt in Berlin-Mitte verschwand im Jahr 2000 trotz großer Proteste von der Bildfläche. Eines seiner ersten größeren Hyparschalen-Modelle, an dem auch statische Untersuchungen vorgenommen wurden, steht noch immer in Binz, allerdings nicht wie es einem Denkmal entsprechen sollte, sondern neuzeitlich verbaut mit zwei containerartigen Gebäuden. Eine ähnliche Schalenkonstruktion mit einer Betondicke von wenigen Zentimetern, eine Bushaltestelle, wurde nach der Wende in Dranske abgerissen. Offen ist noch das Konzept für Müthers „Inselparadies“ in Baabe. . .

 

Noch eine Rückblende:

„Am Strand von Baabe versammelte sich die spätsozialistische Urlaubsgesellschaft unter dem Dach des Inselparadieses, welches sich abends in einen beleuchteten Sternenhimmel verwandelte. Dem Universum war man hier recht nahe – so nahe wie in Müthers Planetarien von Tripolis, Wolfsburg und Helsinki. . .“, schreibt Achim Saupe in dem liebevoll gestalteten Buch „müther“. Dieser kleine Bildband wurde nach dem Tod des Landbaumeisters von Susanne Burmester (Kunstverein Rügen) herausgegeben. Die Fotos stammen von Lutz Grünke aus Binz.

 

 

www.youtube.com/watch?v=_voeN27L9xw

 

www.tu-cottbus.de/projekte/de/great-engineers/ingenieure/muether-ulrich-1934-2007.html


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