„Schwimm nicht zu weit raus!“


Holger Vonberg ist gebürtiger und bekennender Rüganer. Sein Berufswunsch als Zweijähriger: „Urlauber Baabe“. Das hat nicht ganz geklappt. Ab 1991 war er als Journalist u. a. für den NDR, die OZ und den „Urlaubs-Lotsen“ auf der Insel unterwegs. Bis März... mehr

Sommer 2008: Einen Drehtag lang darf ich Komparse sein – bei „Hallo Robbie“. „Schwimm nicht zu weit raus“, ruft mir eine Kollegin noch hinterher. Hallo? Ich soll nicht Robbie, den Seelöwen, doubeln und abtauchen, sondern auftauchen – als Kleindarsteller in einer Szene. „Bringen sie normale Kleidung mit, einen Anzug vielleicht“, sagt die Assistentin, als sie sich einen Tag vor dem Dreh per Telefon meldet. „Wenn möglich nichts Gestreiftes, nichts Schwarzes oder Weißes. Auch Logos sollten auf den Sachen nicht zu sehen sein“, erklärt mir mein Sohn, der bereits Hallo-Robbie-Erfahrungen gesammelt und sich als Student auch in Berlin ein paar Komparsen-Euros nebenbei dazu verdient hat. Mit Heike Makatsch stand er schon vor der Kamera, auch mit Thomas Fritsch. Ich freue mich auf Marcus Grüsser und Leonore Capell. Und auf Lara-Isabelle Rentinck, die sonst in der Serie „Verliebt in Berlin“ zu sehen ist und für sechs Drehtage auf Rügen engagiert wurde. Sie spielt Maja Tamm, macht im Film ein Praktikum auf dem Gut und findet das Team, die Typen und die Tiere toll. Auch die Insel gefällt ihr sehr.

„Drehen heißt warten“, erfahre ich von Horst, einem alten Komparsenfuchs. Der Binzer steht vor dem Gutshaus Boldevitz. Neben ihm Katja aus Bergen, die schon mal von Robbie fischig geküsst worden ist, und Kristin, die neu ist am Set, wie ich. Auch Ingrid, seit fünf Jahren wird sie immer mal wieder von den Filmleuten gerufen, ist mit Achim und Andi „Stand-by“. Rüganer, die einfach nur Spaß haben und mal etwas Anderes als den Alltag erleben wollen.

Wenn der Ton-Mann zweimal klingelt. . .

Wir warten geduldig, bis die Innenaufnahme mit Marcus Grüsser im Kasten ist. Im Schlafanzug holt er sich in der Drehpause einen Kaffee. Tonmeister Fritz Pfeiffer, Pfeiffer mit drei „f“, schiebt sein mobiles Tonstudio vor sich her, ein rollatorähnliches Gefährt mit modernster Aufnahmetechnik und einer alten Fahrradklingel, damit sich Fritz Platz verschaffen kann.

Wir Komparsen füllen unsere Personalbögen aus. Nach dem Namen wird gefragt, nach Alter, Beruf und Geschlecht. Und nach der Sozialversicherungsnummer.

Die Dame aus der Kostümabteilung tauscht die bunte Jacke von Kristin gegen eine grüne aus. Ingrid kann in ihrem Leoparden-Look so bleiben, wie sie ist. Der Arm von Horst bekommt von der Maskenbildnerin Karin Harigae einen Verband. Horst ist laut Drehbuch vom Pferd gefallen. Und ich bin sogar Hotelgast und soll mir meine graue Anzugjacke anziehen. „Und diesen Schlips, bitte. Du sitzt dann hier am Tisch und liest Zeitung. Lara-Isabelle bringt dir einen O-Saft. Ihr macht einen Smalltalk. Dann liest du weiter. Und nicht in die Kamera gucken“, so die Anweisungen.

„Ruhe bitte, eine Probe.“ Das Presseerzeugnis in meiner Hand wird vom kalten Luftzug gebeutelt. Bloß nicht aufblättern, sonst wird aus mir Mister Bean, der mit der Zeitung tanzt. Plötzlich steht die junge Schauspielerin neben meinem Tisch. „Wir haben heute Apfelkuchen, Pflaumenkuchen, Streuselkuchen und Kirschtorte im Angebot. Darfs noch etwas sein?“ „Ja, alles. Bitte genau in dieser Reihenfolge“, antworte ich, und ihr Lächeln wird zu einem Lachen. Nachher, wenn die Kamera läuft, sollte ich derartige Scherze lieber lassen.

 

Ein Wespenstich als Finger-Viagra?

„Alles auf Anfang. Ruhe bitte, wir drehen.“ „Ton ab.“ „Ton läuft.“ „Und bitte“, sagt Regisseur Christoph Klünker. Mehrfach. Mal haut der Wind zu stark in die Mikrofone, mal gerät die Szene durch einen lang anhaltenden Haflingerpups aus den Fugen. „Sorry, das kommt vom Kraftfutter“, entschuldigt sich der Reiter. Dann noch eine Unterbrechung. Eine Wespe hat Mike Gast, den Kameramann, gestochen. Er reagiert allergisch, aber gelassen. „Das wirkt wie Finger-Viagra“, sagt er und dreht weiter, während andere Wespen um die Taille fliegen und sich auf dem Pflaumenkuchen niederlassen.

Die Wespe in meinem O-Saft ist inzwischen tot. Und auch die Szene ist nun gestorben. „Das wars für heute. Vielen Dank“, ruft Regieassistentin Kerstin Engelmann. Schon? Schade! Hat Spaß gemacht. „Komme ich jetzt ins Fernsehen?“ Etwa fünf Sendeminuten dreht das Team an einem Tag. Für einen Wimpernschlag der Geschichte bin auch ich dann irgendwann in einer Folge zu sehen: Im grauen Jackett – der Mann, der am Tisch die Zeitung liest.

 


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