Wo wilde Orchideen blühen . . .


Berichte von Einheimischen.

Zu Besuch im Kreidemuseum Gummanz, die Reise in eine Welt vor unserer Zeit.

Der Königsstuhl ist bekanntlich das Wahrzeichen von Rügen, doch dieser Kreidefelsen hat noch einen unbekannteren, aber mit 126 Metern höheren Bruder. Der steht nicht etwa an der Küste, sondern mitten auf der Halbinsel Jasmund bei Gummanz. Dort – zwischen Sagard und Glowe – ist das europaweit einzigartige Kreidemuseum zu finden. Eine alte Werkhalle ist am stillgelegten Kreidebruch zum Museum umgestaltet worden und hat jetzt auch mit Hilfe von Fördermitteln einen Erweiterungsbau für die neu gestaltete und sehr informative Ausstellung bekommen.

Diese Halle ist Zentrum des Natur- und Kreidelehrpfades, der sich durch das Gelände zieht, erzählt Manfred Kutscher vom Förderverein des Nationalparks Jasmund.

„Beim Wort Museum denkt man an Vitrinen und lange Texte. Durch die Außenausstellung und auch durch die interaktiven Elemente, die wir im Museum haben, wird das Ganze spannend gemacht, obwohl das ein Thema ist, das doch sehr weit weg von uns ist, denn die Kreideentstehung ist immerhin schon rund 68 Millionen Jahre her.“

 

Tief in der Kreide

160 Meter dick ist die Kreideschicht auf Rügen. 160 Meter aus abermillionen kalkigen Resten elektonenmikroskopisch kleiner einzelliger Pflanzen. An vielen Stellen reicht die Kreide bis an die Oberfläche, aufgeschichtet durch erdinnere Kräfte in der letzten Eiszeit. So ist auch der Gummanzer „Kleine Königsstuhl“ entstanden. Von der Aussichtsplattform hat der Besucher bei klarem Wetter einen weiten Blick – über Rügen bis nach Stralsund und Hiddensee.

In den Wänden der Kreidebrüche hingen früher die Arbeiter. Mit Spitzhacken haben sie – wie in Gummanz – das weiche Material aus der Wand gelöst.

Originalton Dokumentarfilm: „Zum Abbau der Kreide wurden Trichter in die Kreidewand gehauen, sodass die im oberen Teil des Trichters abgeschlagene Rohkreide über das Ablaufrohr direkt in die Lore fallen konnte. Größere Feuersteine wurden direkt von der Lore aussortiert. Von der Abbaustelle ging es auf direktem Wege zum Rührwerk.“

Die alte Technik wurde restauriert. Loren, eine echte Lok, die Transportschnecken, auch die alten Absetzbecken und Trockenregale für die Kreide sind heute wieder zu sehen. Seit 1832, also seit mehr als 180 Jahren, wird Kreide auf Rügen abgebaut und zu Schlämmkreide veredelt. 40 Kreidebrüche gab es einst auf Jasmund. Wo sie waren, ist auf einer interaktiven Karte zu sehen.

 

Kreide für den bösen Wolf?

Auf dem Freigelände sitzt eine vierköpfige Familie in einer großen, mit Feuersteinen gefüllten Kiste: „Wir suchen Fossilien, Muschelabdrücke, ja, Versteinerungen, Donnerkeile, weil wir hier im Urlaub sind. Und da haben wir schon ganz viel gefunden. Eigentlich habe ich hier schon wieder was. Das ist ein Kleinfossil oder ein Schwamm. Ja, es ist wunderbar, zu sehen, wie die Kreide früher abgebaut worden ist. Der alte Film ist schon sehr beeindruckend.“

So viel Kreide ringsherum. Das wäre was für den Wolf aus dem Märchen, erzählt die kleine Julie mit großen Augen.„Das mit den sieben Geistlein“, sagt sie aufgeregt und meint die Geißlein. „Und da wollte der Wolf sie austricksen, dass er sie fressen kann. Er hat sich

Kreide gekauft und gegessen. Dann hatte er eine höhere Stimme. . .“

Dass aus Rügener Schreibkreide gar keine Tafelkreide hergestellt wird, das erfahren nicht nur die Lütten in der Ausstellung. Etwa 16 000 bis 18 000 Besucher werden alljährlich in diesem kleinen aber feinen Museum gezählt.

 

Und der Saurier, der hat Zähne. . .

Ein Blickfang in der Ausstellung sind eine Film-Animation und das etwa sechs Meter lange Modell eines Mosasauriers.

Dieses echsenähnliche „Monster“ aus der oberen Kreidezeit ist halb so lang wie das Original, das lebende Junge zur Welt brachte und vor 83 bis 65 Millionen Jahren seinen Lebensraum überwiegend in Wassertiefen von 40 bis 70 Metern hatte. Dieser Saurier, der ein wenig an einen Waran erinnert, ernährte sich von großen, hartschaligen Kopffüßern wie Ammoniten und Nautiliden.

Die knackigen Schalen der Meeresbewohner dürften für die Mosasaurier kein Problem gewesen sein. Der 1,30 Meter lange Schädel liefert den Beweis. „Selbst im Rachenraum, in der Mitte des oberen Gaumens, hatte das Tier einen Zahnkranz, mit dem es die Schalen knacken konnte“, sagt der Kreide- und Fossilienexperte Manfred Kutscher. Im tieferen Wasser des Rügener Kreidemeeres sei der Mosasaurier eher ein Irrgast gewesen, dennoch ließen sich auch auf Rügen Zähne dieses Tieres finden, allerdings nur mit geübtem Blick und großem Glück.

Großes Glück macht sich zurzeit auch im Kreidemuseum breit, denn die wilden Orchideen blühen: etwas unscheinbar das „Große Zweiblatt“, das direkt bei den alten Kreide-Loren grünt und sich dort wohl fühlt, und das Fuchs’sche Knabenkraut in Violett gleich daneben. „Pflücken verboten, fotografieren erlaubt“, sagt Manfred Kutscher.

Übrigens: Am 26. Juli 2014 feiert das Kreidemuseum seinen 9. Geburtstag mit Sonderführungen ab 10 Uhr, mit einem Preisausschreiben, der kostenlosen Bestimmung von mitgebrachten Fossilien und einem bunten Kinderprogramm. Die nächsten geführten Fossilienexkursionen sind an jedem Sonnabend im Juli und August, am 13. und 27. September, sowie am 11. Oktober. Um Anmeldung wird gebeten.

 

www.kreidemuseum.de

 

 


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